01 I
Von der Fachdidaktik zu Open Education
Notizen zum Einstieg in das Projekt
Beitrag von Tanja Jeschke (03/2025)
Warum NOCH einen Blog über ein Projekt im Wissenschaftsbetrieb schreiben?
Ich habe mich entschieden, diesen Blog zu schreiben, um meine Erfahrungen aus einem aktuellen Projekt im Wissenschaftsbetrieb zu dokumentieren. Ziel ist es, Einblicke in die alltägliche Arbeit an einem hochschulübergreifenden Forschungs- und Entwicklungsprojekt zu geben – ein Kontext, der oft hinter den Kulissen bleibt.
- Wie funktionieren Teamstrukturen, Kommunikation und Projektorganisation in der Praxis?
- Welche Herausforderungen und Chancen ergeben sich, wenn Forschung, Lehre und Open Educational Resources (OER) zusammenkommen?
In meiner bisherigen Tätigkeit an der Universität Hildesheim sowie an anderen Hochschulen lag mein Schwerpunkt vor allem auf der Hochschullehre und der Professionalisierung von Lehrer:innen (oder Erzieher:innen). Ich beschäftigte mich damit, wie die deutsche Sprache im beruflichen Kontext beobachtet, vermittelt, diagnostiziert und gefördert werden kann. Mich interessiert Sprache, insbesondere in verschiedenen kommunikativen Settings, auch in Verbindung mit Digitalität. Meine Arbeit war (und ist) linguistisch geprägt, wenngleich meine Arbeit natürlich sprach- und mediendidaktische sowie unterrichtspraktische Perspektiven einnimmt und eng an die Idee von Bildung ist Allgemeingut gekoppelt ist.
Das Projekt Co-WOERK, in dem ich nun arbeite, bewegt sich in einem ganz anderen Kontext: Es handelt sich um ein Verbundprojekt, das mehrere Hochschulstandorte umfasst und sich mit OER in der Hochschullehre und beruflichen Bildung beschäftigt. Dieser Wechsel von der Forschung und Lehre hin zur Arbeit in einem interdisziplinären Projekt eröffnete mir neue Perspektiven auf universitäre Strukturen, Projektmanagement, -organisation und die praktische Umsetzung von OER.
Erste Begegnung mit dem IKMZ: Staunen inklusive
Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Tag am Informations-, Kommunikations- und Multimediazentrum (IKMZ) der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus – Senftenberg. Schon beim Betreten des Geländes fragte ich mich, ob ich hier richtig sei. Die Adresse stimmte, und in der E-Mail war der 7. OG angegeben – dennoch wirkte das Zentrum so groß und komplex, dass ich einen Moment innehalten musste.
Der Raum, in dem mein Gespräch stattfand, zählt zu den schönsten Räumen des IKMZ. Vom Fenster aus bietet sich ein weiter Blick über die Stadt, der erst richtig zur Geltung kam, als die anfängliche Aufregung verflogen war. Das Gebäude selbst wurde von den Architekten Herzog & de Meuron entworfen, die unter anderem die Elbphilharmonie in Hamburg realisiert haben. Fertiggestellt wurde das IKMZ 2004, und seine Glasfassade ist mit Buchstaben aus aller Welt bedruckt – ein Symbol für Kommunikation, Wissen und kulturelle Vielfalt.
Mit sieben Stockwerken voller Bücher, Technik und Lernräume vereint das IKMZ Bibliothek, Multimediazentrum und Ausstellungsflächen. Auffällig sind die knalligen Farben – grüne und pinke Wände & Co – sowie zahlreiche Sitzgelegenheiten, gutes WLAN und viel Tageslicht, die ein Arbeiten, Lernen und Vernetzen angenehm machen.
Der Ort lädt zum Forschen und Denken ein – und ich war mittendrin.
Im Herzen das MMZ: Technik, Team und erste Eindrücke
Das Multimediazentrum (MMZ), nicht nur konzeptionell, sondern auch räumlich Teil des IKMZ, bot am ersten Tag eine gut ausgestattete Arbeitsumgebung. Ein höhenverstellbarer Schreibtisch, ein guter Computer sowie alle relevanten Zugänge – zu Clouds, Bibliotheksressourcen und internen Systemen – standen bereit. Aus eigener Erfahrung und der vieler Kolleg:innen aus der Wissenschaft weiß ich, dass solche Ressourcen direkt zu beginn des Stellenantritts an Hochschulen und Universitäten keineswegs selbstverständlich und vorhanden sind; sie aber den Einstieg erheblich erleichtern.
Beim ersten gemeinsamen Mittagessen ,in der Übergangsmensa' der BTU lernte ich weitere Kolleg:innen aus dem MMZ kennen, die mich alle sehr herzlich begrüßten. In den folgenden Tagen wurde ich nicht nur in die organisatorischen Strukturen des Zentrums eingeführt, sondern auch intensiv in das Projekt Co-WOERK eingearbeitet – ein Verbundprojekt, das sich mit OER in der Hochschullehre und beruflichen Bildung beschäftigt. Auch hier wurde ich freudig und neugierig von den Kolleg:innen empfangen.
Co-WOERK: Die ersten Schritte im Projekt
Die ersten Aufgaben waren klar strukturiert und ermöglichten mir einen systematischen Einstieg:
- Den Projektantrag lesen und vollständig verstehen
- Projekttermine dokumentieren und in den Kalender eintragen
- Mein Wissen zu OER auffrischen, insbesondere zu rechtlichen und didaktischen Aspekten
- OER-Ökosystem recherchieren, mit besonderem Fokus auf unser Arbeitspaket
Mit dem Wechsel in das Projekt eröffnet sich für mich zugleich ein neuer Blick auf Wissenschaft und Hochschulen. Während in Forschung und Lehre häufig fachliche Fragestellungen, Inhalte oder Lernprozesse im Vordergrund stehen, rücken in der Projektarbeit stärker die Bedingungen in den Blick, unter denen wissenschaftliche und bildungsbezogene Innovationen überhaupt entstehen können. Projektmanagement erscheint dabei nicht lediglich als organisatorische Notwendigkeit, sondern als eine Form der Strukturierung von Zusammenarbeit:
Wer arbeitet mit wem zusammen?
Wie werden unterschiedliche Perspektiven zusammengeführt?
Welche Prozesse ermöglichen es, aus Ideen tragfähige Konzepte und aus Konzepten langfristig wirksame Strukturen zu entwickeln?
Gerade in einem hochschulübergreifenden Verbundprojekt interessieren mich diese Fragen besonders. Sie eröffnen eine Perspektive auf Wissenschaft, die über fachliche Expertise hinausgeht und stärker die sozialen, organisatorischen und institutionellen Voraussetzungen gemeinsamer Wissensproduktion in den Blick nimmt.
Die wichtigste Frage: Was ist das Ziel von Co-WOERK?
Das Verbundprojekt Co-WOERK – Community zum Wissenstransfer OER verfolgt das Ziel, Open Educational Resources (OER) systematisch in Hochschullehre und beruflicher Bildung zu verankern und eine nachhaltige, bundesländerübergreifende Community of Practice aufzubauen. Im Zentrum steht dabei nicht nur die Erstellung offener Materialien, sondern die strukturelle und kulturelle Weiterentwicklung von Lehr- und Lernprozessen hin zu Open Educational Practices (OEP).
Ein zentraler Aufgabenbereich besteht im Aufbau und in der Professionalisierung von OER-Communities. Lehrende werden in moderierten Austauschformaten zusammengeführt, entwickeln kollaborativ offene Lehr-Lern-Materialien und reflektieren deren didaktische Einsatzmöglichkeiten. Dadurch entsteht ein Raum für gemeinsamen Kompetenzaufbau, kollaborative Beratungsstrukturen und nachhaltige Vernetzung über Institutions- und Landesgrenzen hinweg. Parallel dazu entwickelt das Projekt tragfähige Unterstützungsstrukturen für OER. Dazu gehören mediendidaktische und technische Beratungsangebote, Hilfestellungen bei rechtlichen Fragen sowie Strategien zur nachhaltigen Bereitstellung und Auffindbarkeit von Materialien. Ziel ist ein OER-Ökosystem, das Lehrende in allen Phasen – von der Konzeption über die Produktion bis zur Veröffentlichung – begleitet und langfristig ohne projektgebundene Ressourcen weiterbestehen kann. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Qualitätsentwicklung. OER-Materialien, Community-Prozesse und strukturelle Rahmenbedingungen werden wissenschaftlich begleitet, um Qualitätskriterien und praxistaugliche Instrumente offen und für andere Kontexte nutzbar gemacht werden. So trägt das Projekt zur bundesweiten Qualitätsdiskussion im OER-Bereich bei. Ergänzend werden Anreizmodelle entwickelt und erprobt, um die Motivation zur Nutzung und Erstellung offener Bildungsressourcen zu stärken. Dabei werden sowohl individuelle als auch institutionelle Faktoren berücksichtigt. Die gewonnenen Erkenntnisse werden systematisch ausgewertet und in Form frei zugänglicher Handreichungen aufbereitet, um übertragbare Gelingensbedingungen für OER-Adoption sichtbar zu machen. Flankiert wird dies durch eine kontinuierliche Vernetzung mit bestehenden Initiativen, durch wissenschaftliche Dissemination sowie durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit. Insgesamt verfolgt Co-WOERK damit einen integrativen Ansatz, der Community-Entwicklung, Infrastrukturaufbau, Qualitätsforschung und Motivationsstrategien miteinander verzahnt, um offene Bildungspraktiken nachhaltig in der Bildungslandschaft zu etablieren.
Erste Erkenntnisse und Ausblick: Was ich bisher mitnehme
Schon nach wenigen Tagen begann die praktische Arbeit – Meetings, Recherchen, Abstimmungen und Projektplanung –, die mir neue Perspektiven auf die Rolle von OER in der beruflichen Bildung sowie der Hochschullehre eröffnete. Die theoretischen Kenntnisse aus meiner bisherigen Arbeit bildeten nur das Fundament; die Umsetzung in einem interdisziplinären, hochschulübergreifenden Projekt erforderte ein Verständnis für komplexe Strukturen, kollaborative Arbeitsweisen und die Abstimmung zwischen verschiedenen Stakeholdern.
Der Start im MMZ und im Projekt Co-WOERK hat mich erahnen lassen, wie spannend und vielfältig die Arbeit in Projekten im Wissenschaftsbetrieb werden wird. Die Kombination aus dem interdisziplinären Team und dem Fokus auf Open Education versprach neues Wissen und neue Perspektiven auf Lehre, Forschung und digitale Bildung.
Mit diesem Blog möchte ich die kommenden Schritte, Erfahrungen und Erkenntnisse dokumentieren – sowohl für mich selbst zur Reflexion als auch für alle, die Einblicke in die Praxis eines hochschulübergreifenden Projekts im Bereich OER suchen.
___________________________
Weiternutzung als Open Educational Resources (OER) ausdrücklich erlaubt: Dieser Blogbeitrag und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – von Tanja Jeschke, Akademische Projektmitarbeiterin an der BTU Cottbus – Senftenberg im Rahmen des Projekts Co-WOERK entwickelt worden und wird als OER unter der Lizenz CC BY-SA 4.0 International veröffentlicht; Fotos, Bilder und Grafiken sind davon jedoch ausgenommen.
Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: „Von der Fachdidaktik zu Open Education
Notizen zum Einstieg in das Projekt I Blogbeitrag 01 von Tanja Jeschke, Lizenz: CC BY SA. Der Lizenzvertrag ist hier abrufbar: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de."