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Mythen sind mehr als Unwissen
Was OER-Mythen über Offenheit, Unsicherheit und professionelle Praxis verraten
Beitrag von Tanja Jeschke (06/2026)
Welcome to the Jungle – unter diesem Motto stand die Statuskonferenz OER im Blick 2026, die Ende April im Kölner smartvillage stattfand. Zwei Tage lang kamen Projekte, Förderlinien, Wissenschaftler:innen, Lehrende, Lehrkräfte und weitere Akteur:innen zusammen, um über offene Bildung, OER, Künstliche Intelligenz und Open Educational Practices (OEP) zu diskutieren. Das Bild des ,OER-Dschungels' erwies sich dabei als treffende Metapher für ein Feld, das zunehmend vielfältiger wird und dessen Diskussionen längst über einzelne Materialien hinausreichen. Communitys, offene Bildungspraktiken, Professionalisierung und institutionelle Verankerung standen vielerorts stärker im Mittelpunkt als technische oder rechtliche Detailfragen.
Gleichzeitig wurde auf der Konferenz sichtbar, dass Offenheit trotz ihrer gewachsenen bildungspolitischen Bedeutung keineswegs selbstverständlich geworden ist. Dort, wo OER und OEP in konkrete Lehr-, Lern- und Arbeitskontexte übersetzt werden sollen, entstehen weiterhin Unsicherheiten, Vorbehalte und grundlegende Fragen nach Nutzen, Aufwand und institutionellen Rahmenbedingungen. Die Herausforderung besteht daher längst nicht mehr nur darin, Offenheit zu ermöglichen, sondern auch darin, ihren Stellenwert innerhalb bestehender Bildungsstrukturen immer wieder neu zu begründen.
Die Diskussionen auf der Konferenz machten dabei deutlich, dass sich viele dieser Fragen nicht allein auf strategischer oder bildungspolitischer Ebene stellen. Sie zeigen sich ebenso im Alltag von Lehrenden und Lehrkräften – dort, wo Offenheit konkret praktiziert, ausgehandelt und in bestehende Arbeitszusammenhänge integriert werden soll.
Zwischen Offenheit und Unsicherheit
Darf ich meine Folien überhaupt teilen
Sind frei lizenzierte Materialien nicht automatisch qualitativ schlechter?
Verliere ich die Kontrolle über meine Lehrveranstaltung, wenn ich offene Materialien nutze?
Solche Fragen begegnen uns im Projekt regelmäßig – in Workshops, Community-Treffen oder Gesprächen mit Lehrenden. Und sie sind keineswegs Ausdruck mangelnder Offenheit. Vielmehr verweisen sie auf Unsicherheiten, die nachvollziehbar sind, wenn neue Praktiken auf etablierte Routinen treffen. Je länger ich mich mit OER beschäftige, desto weniger erscheinen mir solche Fragen als Ausdruck fehlenden Wissens. Vielmehr scheinen sie auf etwas hinzuweisen, das mir nicht nur im Projekt, sondern auch in der Lehrer immer wieder begegnet: die Schwierigkeit, Nicht-Wissen sichtbar zu machen. Wer nach Urheberrecht fragt, signalisiert möglicherweise Unsicherheit. Wer bei offenen Lizenzen nachfragt, macht deutlich, etwas noch nicht zu wissen. In professionellen Kontexten, die stark durch Expertise, Verantwortung und fachliche Souveränität geprägt sind, ist das nicht selbstverständlich. Dabei kenne ich dieses Gefühl auch von mir selbst. Niemand gibt gern zu, etwas nicht zu wissen.
Gleichzeitig gehört genau dieses Nicht-Wissen zu den grundlegenden Voraussetzungen von Lernen. Lernen bedeutet schließlich, sich mit etwas auseinanderzusetzen, das man noch nicht verstanden hat. Umso mehr beschäftigt mich die Frage, warum Unsicherheit in Bildungsinstitutionen häufig als Defizit wahrgenommen wird. Müssten Schule, Hochschule und Lehrer nicht eigentlich Räume sein, in denen Fragen, Zweifel und vorläufiges Wissen selbstverständlich sind?
Vielleicht liegt genau hier ein Spannungsverhältnis, das auch für offene Bildung zentral ist. Offenheit lebt von Austausch, Feedback und der Bereitschaft, Materialien sichtbar zu machen. Gleichzeitig setzt sie voraus, Unsicherheiten zuzulassen und Fragen stellen zu können. Wo dies schwerfällt, entstehen nicht selten vereinfachende Annahmen, Vorbehalte oder eben Mythen. Die Reflexion dieses Spannungsverhältnisses war schließlich auch Ausgangspunkt für die Entwicklung unserer OER-Mythenfächer. Denn hinter vielen vermeintlichen Missverständnissen verbargen sich weniger Wissenslücken als Fragen, die selten offen ausgesprochen werden: Darf ich das überhaupt? Ist das qualitativ ausreichend? Mache ich etwas falsch? Genau diese Unsicherheiten sichtbar und damit besprechbar zu machen, wurde zum Ausgangspunkt unserer Arbeit.
Mythen sind mehr als Unwissen
Die Idee, sich mit Mythen rund um OER zu beschäftigen, entstand in der projektinternen Arbeitsgruppe „Rechtliche Beratungsangebote“. Ausgangspunkt waren Fragen und Annahmen, die uns in der Projektarbeit immer wieder begegneten. Aus diesen Beobachtungen entwickelte sich die Idee, typische OER-Mythen sichtbar zu machen.
Gemeinsam mit Nancy Walter, Miguel Martin Parker, Karsten Herzog, Gesina Seyfert und Anna Höffler entstanden unsere sogenannten Mythenfächer – einer für den Hochschulbereich, einer für die berufliche Bildung. Die Idee des Formats war bewusst einfach: Verbreitete Annahmen aufgreifen, Orientierung bieten und zugleich einen Anlass schaffen, miteinander ins Gespräch zu kommen. Dabei wurde schnell deutlich, dass viele Mythen weniger auf fehlendem Wissen beruhen als auf tieferliegenden Fragen:
- Der Mythos Darf ich meine Folien überhaupt teilen? verweist beispielsweise nicht nur auf urheberrechtliche Unsicherheiten. Er berührt zugleich Fragen nach institutionellen Zuständigkeiten, professioneller Autonomie und Verantwortung.
- Auch die Annahme, OER seien qualitativ schlechter als andere Materialien, ist selten nur eine Frage der Materialqualität. Dahinter stehen häufig grundlegendere Überlegungen: Wer entscheidet eigentlich über Qualität? Wie entsteht Vertrauen in Materialien? Und welche Rolle spielen dabei institutionelle Anerkennung und fachliche Expertise?
- Ähnlich verhält es sich mit der Sorge, durch offene Materialien die Kontrolle über die eigene Lehre zu verlieren. Tatsächlich verweist dieser Mythos auf Fragen nach Autorschaft, Sichtbarkeit und professioneller Identität.
Mythen erscheinen damit weniger als Ausdruck von Unwissen denn als Ausdruck von Unsicherheit angesichts neuer Praktiken des Teilens, Kollaborierens und Öffnens. Genau deshalb ging es bei den Mythenfächern nie darum, vermeintlich „falsche“ Annahmen einfach zu korrigieren. Wichtiger war die Idee, Unsicherheiten sichtbar und damit besprechbar zu machen. Von Beginn an war unsere Hoffnung, dass die Fächer ihren Weg in Lehrerzimmer, Institutsrunden oder hochschuldidaktische Weiterbildungen finden würden – nicht weil dort alle Antworten stehen, sondern weil sie Gespräche eröffnen können.
Neben der Präsentation der Mythenfächer lag mein persönlicher Schwerpunkt auf der OER im Blick vor allem auf den Sessions zur Lehrkräftebildung. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass ich selbst aus diesem Bereich komme und viele der dort diskutierten Fragen unmittelbar an meine bisherigen Erfahrungen anschließen.
Lehrer:innenbildung als essentieller Bezugspunkt für die OER-Bewegung
Besonders interessant war in diesem Zusammenhang der Workshop Offene Bildungspraktiken in der phasenübergreifenden Lehrkräftebildung. Dort wurde diskutiert, wie Offenheit stärker als gemeinschaftliche und institutionsübergreifende Praxis verstanden werden kann. Im Mittelpunkt standen Good Practices aus Projekten wie digiLL_COM oder dem MediaLab Lehramt der RWTH Aachen sowie die Frage, wie Kooperationen zwischen Hochschule, Schule und Medienzentren nachhaltiger gestaltet werden können.
Spannend erschien mir dabei vor allem die Idee sogenannter Digital Making Places, die Räume für kollaboratives Arbeiten schaffen – etwa mit Audio-/Videoproduktion, 3D-Druck oder Lasercutting. Im Kontext phasenübergreifender Lehrkräftebildung wirken solche Ansätze interessant, weil sie Offenheit nicht nur curricular oder technisch denken, sondern als gemeinsame Praxis des Entwickelns, Erprobens und Reflektierens. Im Workshop selbst wurde zudem ein Spiel eingesetzt, das unterschiedliche Perspektiven und Herausforderungen phasenübergreifender Zusammenarbeit sichtbar machte. Für Fragen der Hochschulpraktika oder der Kooperation zwischen erster und zweiter Phase der Lehrkräftebildung erschien mir dieser Zugang äußerst ergiebig, weil er institutionelle Schnittstellen nicht abstrakt beschreibt, sondern praktisch erfahrbar macht. Dort wurde deutlich, dass Offenheit weit über die Bereitstellung einzelner Materialien hinausgeht. Im Mittelpunkt standen vielmehr Kooperationen zwischen Hochschule, Schule und weiteren Bildungspartnern sowie die Frage, wie Offenheit langfristig in professionellen Handlungspraxen verankert werden kann.
OER spielen in der Hochschullehre bislang eher eine punktuelle als eine systematische Rolle. Ob Studierende mit offenen Bildungsmaterialien in Berührung kommen, hängt häufig von einzelnen Lehrveranstaltungen, Projekten oder engagierten Lehrenden ab. Gleichzeitig werden in Praxisphasen der Lehrer:innenausbildung Materialien zwischen Studierenden, Lehrkräften und weiteren Akteur regelmäßig gesucht, angepasst, weiterentwickelt und geteilt. Solche kooperativen Praktiken gehören vielerorts zum pädagogischen Alltag.
Offenheit könnte stärker als verbindendes Element zwischen Hochschule, Praxisphasen und schulischer Praxis verstanden werden. Wenn Studierende bereits frühzeitig erleben, wie Materialien gemeinsam entwickelt, reflektiert und weitergegeben werden, entstehen Lerngelegenheiten, die über den Umgang mit einzelnen Ressourcen hinausgehen. Der Austausch zwischen Hochschule und Praxisschulen sowie die Arbeit in multiprofessionellen Teams verdeutlichen, dass offene Bildungspraktiken insbesondere dort an Bedeutung gewinnen, wo unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Professionen zusammenkommen. OEP erscheinen dann weniger als zusätzliche Anstrengung, sondern vielmehr als Rahmen für kooperative Formen professionellen Lernens über institutionelle und phasenbezogene Grenzen hinweg.
Aus meiner Sicht liegt in der Zusammenarbeit von Hochschulen, Studierenden, Lehrkräften an Praxisschulen und weiteren pädagogischen Akteur ein bislang noch nicht vollends ausgeschöpftes Potenzial. Offene Bildungspraktiken könnten dazu beitragen, gemeinsame Entwicklungs- und Reflexionsprozesse über die verschiedenen Phasen der Lehrer hinweg stärker miteinander zu verbinden und damit Kooperation als Bestandteil professionellen Handelns sichtbarer zu machen.
Braucht Openness nicht auch eine Kultur des Fragens bzw. eine Kultur im Umgang mit Unwissen?
Rückblickend bleibt für mich von der OER im Blick 2026 vor allem die Erkenntnis, dass Offenheit weit mehr ist als eine Frage von Materialien, Lizenzen oder rechtlichen Rahmenbedingungen. Vielmehr verweist sie auf kulturelle und organisationale Bedingungen des Lehrens und Lernens. Offenheit setzt voraus, dass Wissen geteilt werden kann. Sie setzt aber ebenso voraus, dass Unsicherheiten artikulierbar bleiben.
Vielleicht erklärt genau das, warum Diskussionen über OER so häufig auf Fragen nach Qualität, Urheberrecht oder Kontrolle zurückführen. Hinter diesen Fragen stehen oftmals nicht allein Informationsdefizite, sondern die Sorge, etwas nicht zu wissen oder Fehler zu machen. Insbesondere in Bildungsinstitutionen erscheint Nicht-Wissen jedoch nach wie vor erstaunlich stark problematisiert. Dabei gehören Unsicherheit, Erprobung und gelegentliches Scheitern zu den grundlegenden Bedingungen professionellen Lernens. Wer lebenslanges Lernen ernst nimmt, muss akzeptieren, dass Wissen stets vorläufig bleibt.
Vor diesem Hintergrund erscheinen mir die Mythenfächer heute als mehr als ein Kommunikationsformat zu OER. Sie sind ein Versuch, Unsicherheiten sichtbar und damit überhaupt erst besprechbar zu machen. Denn Offenheit und Unsicherheit stehen nicht in einem Widerspruch. Im Gegenteil: Offene Praktiken erfordern die Bereitschaft, Fragen zu stellen, Rückmeldungen anzunehmen und mit Ungewissheiten produktiv umzugehen.
Die OER im Blick 2026 hat mir zugleich noch einmal vor Augen geführt, welche Bedeutung Bildungsinstitutionen für die Verankerung offener Bildungspraktiken haben können. Offenheit entsteht nicht allein durch die Bereitstellung von Materialien. Sie benötigt institutionelle Rahmenbedingungen, die Zusammenarbeit, kollegialen Austausch und gemeinsames Lernen unterstützen.
Schulen kommt hierbei aus meiner Sicht eine besondere Rolle zu. Dort, wo Lehrkräfte Materialien gemeinsam entwickeln, reflektieren, an unterschiedliche Lerngruppen anpassen und weitergeben, werden nicht nur OER genutzt. Dort entstehen Praktiken des Teilens, die über einzelne Materialien hinausweisen und sich als offene Bildungspraktiken beschreiben lassen. Viele dieser Praktiken sind im schulischen Alltag bereits vorhanden, werden jedoch häufig nicht als OER oder OEP wahrgenommen. Darin liegt zugleich eine Chance für die Lehrer. Wenn Studierende bereits während ihres Studiums erleben, wie Materialien kollaborativ entwickelt, kritisch reflektiert und weitergegeben werden, kann Offenheit als selbstverständlicher Bestandteil professionellen Handelns erfahrbar werden. Ähnliches gilt für die Begleitung von Berufseinsteiger, Quereinsteiger oder neuen Kolleg. Überall dort, wo Wissen, Erfahrungen und Materialien gemeinsam weiterentwickelt werden, entstehen Lerngelegenheiten, die weit über die Nutzung einzelner Ressourcen hinausreichen.
Ich glaube, ja...
Eine Kultur des Teilens setzt letztlich auch eine Kultur des Fragens bzw. eine Kultur im Umgang mit Unwissen voraus. Offenheit beginnt damit möglicherweise nicht bei Materialien, digitaler Infrastruktur oder offenen Lizenzen, sondern bei der Bereitschaft, das eigene Nicht-Wissen als Ausgangspunkt gemeinsamer Lehr- und Lernprozesse anzuerkennen. Dazu gehört, die Idee lebenslangen Lernens zunächst individuell zu reflektieren, sie im Austausch mit Kolleg:innen weiterzuentwickeln und zugleich auf institutionelle Rahmenbedingungen vertrauen zu können, die Offenheit unterstützen. Ob Schule, Hochschule oder Universität – offene Bildungspraktiken benötigen nicht nur engagierte Einzelpersonen, sondern auch Organisationen, die Austausch, Kooperation und gemeinsames Lernen aktiv fördern.
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Weiternutzung als Open Educational Resources (OER) ausdrücklich erlaubt: Dieser Blogbeitrag und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – von Tanja Jeschke, Akademische Projektmitarbeiterin an der BTU Cottbus – Senftenberg im Rahmen des Projekts Co-WOERK entwickelt worden und wird als OER unter der Lizenz CC BY-SA 4.0 International veröffentlicht; Fotos, Bilder und Grafiken sind davon jedoch ausgenommen.
Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: „Mythen sind mehr als Unwissen. Was OER-Mythen über Offenheit, Unsicherheit und professionelle Praxis verraten I Blogbeitrag 08 von Tanja Jeschke, Lizenz: CC BY SA. Der Lizenzvertrag ist hier abrufbar: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de."