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Warum Openness institutionalisieren? 

Fünf Überlegungen zur Rolle von Policies 

Beitrag von Tanja Jeschke (03/2026)

Offenheit bzw. Openness bildet einen zentralen Bezugspunkt von OER und OEP (Fachcommunity-Arbeit in Open Science und Open Education. Impulse nach der KNOER-Tagung 2025 I Blogbeitrag 04). Gemeint ist dabei nicht allein die Offenheit von Materialien, sondern die Möglichkeit, Bildungsressourcen und Bildungspraktiken zu teilen, weiterzuentwickeln und gemeinschaftlich zu gestalten. Als Leitidee ist Openness eng mit Freiwilligkeit, Partizipation und gemeinsamer Wissensentwicklung verbunden. Gerade deshalb erscheint die Vorstellung zunächst paradox, Offenheit durch Policies, Strategien oder Governance-Strukturen institutionell verankern zu wollen. 

Die Entwicklung der vergangenen Jahre zeigt jedoch, dass offene Bildungspraktiken zwar häufig durch individuelles Engagement entstehen, ihre langfristige Wirksamkeit jedoch selten ohne institutionelle Unterstützung sichern können.
Die Frage lautet daher nicht, ob Offenheit institutionalisierbar ist. Die eigentliche Frage lautet, wie Openness institutionell verankert werden kann, ohne ihren Charakter zu verlieren.

Dieses Spannungsfeld begleitet uns seit Projektbeginn bei Co-WOERK, dass sich neben der Fragen der Communitybildung auchmit der Entwicklung von Musterpolicies für Hochschulen und die berufliche Bildung beschäftigt. Während zahlreiche Hochschulen bereits eigene OER-Policies verabschiedet haben, fehlen vergleichbare Orientierungsrahmen für berufsbildende Schulen bislang weitgehend. Die Arbeit an den Musterpolicies hat dabei einige grundlegende Überlegungen angestoßen, die über die Entwicklung einzelner Dokumente hinausreichen.

Annahme 1: 

Nicht die Überzeugung von Openness per se ist das Problem, sondern häufig die Strukturen.

Die Diskussion über OER konzentriert sich häufig auf Materialien, Plattformen oder einzelne Good-Practice-Beispiele. Weniger Aufmerksamkeit erhält die Frage, unter welchen Bedingungen Offenheit dauerhaft praktiziert werden kann. Aus vielen Projekten ist bekannt, dass die grundsätzliche Bereitschaft zu OER und OEP selten die Herausforderung darstellt.

Die größere Herausforderung besteht darin, institutionelle Bedingungen zu schaffen, unter denen sich diese Überzeugung dauerhaft in Handeln übersetzen lässt. Häufig fehlen Zeit, Anerkennung, Zuständigkeiten oder organisatorische Unterstützung. Lehrende und Lehrkräfte handeln nicht unabhängig von ihren Institutionen, sondern innerhalb bestehender Organisationsstrukturen, die Möglichkeiten eröffnen oder begrenzen. Dazu gehören auch die Anerkennungs- und Reputationslogiken von Bildungseinrichtungen. Insbesondere im Hochschulbereich entsteht Sichtbarkeit häufig über Publikationen, Drittmittel oder andere Leistungen, die einzelnen Personen zugerechnet werden können. Offene Bildungspraktiken folgen dagegen teilweise einer anderen Logik. Sie zielen darauf, Wissen, Materialien und Erfahrungen zugänglich zu machen, damit andere sie nutzen, weiterentwickeln und in neue Kontexte übertragen können.

Hier zeigt sich ein strukturelles Problem vieler Hochschulen: Die Mechanismen, über die Sichtbarkeit, Reputation und Anerkennung entstehen, honorieren offene Bildungspraktiken häufig weniger als andere wissenschaftliche Leistungen. Dahinter steht eine grundlegendere Frage: Was als wertvoll gilt, wird nicht immer auch als teilbar gedacht. Solange Beiträge zu OER und OEP institutionell weniger sichtbar sind oder geringere Anerkennung erfahren als andere wissenschaftliche Leistungen, bleibt Offenheit für viele ein zusätzliches Engagement statt ein selbstverständlicher Bestandteil professionellen Handelns.

Besonders sichtbar wird die Bedeutung institutioneller Rahmenbedingungen im Kontext der Projektförderung. Die OER-Landschaft wurde in den vergangenen Jahren maßgeblich durch zeitlich befristete Förderprogramme geprägt. Auf diese Weise sind innovative Materialien, Plattformen und Communitys entstanden. Gleichzeitig folgt die Projektlogik einem klaren Muster: Projekte beginnen, entwickeln Lösungen und enden. Ob die entstandenen Strukturen danach fortbestehen, hängt wesentlich davon ab, ob sie institutionell verankert werden konnten. Solange Offenheit überwiegend projektförmig organisiert bleibt, besteht die Gefahr, dass Erfahrungen, Netzwerke und Wissen mit dem Ende der Förderung an Sichtbarkeit verlieren. Eine Policy garantiert keine Nachhaltigkeit. Sie kann jedoch einen institutionellen Bezugspunkt schaffen, der über einzelne Projekte hinaus Bestand hat.

Aus dieser Perspektive erscheint die Diskussion um OER-Policies weniger als rechtliche oder administrative Frage. Vielmehr geht es um die Schaffung eines institutionellen Rahmens, der Offenheit legitimiert, unterstützt und sichtbar macht. Offene Bildungspraktiken benötigen daher nicht nur engagierte Akteur:innen und technische Infrastrukturen, sondern Organisationen, die ihnen einen dauerhaften Platz in ihren Strategien, Anerkennungssystemen und Entwicklungsprozessen einräumen.

Annahme 2

OER-Policies sollen Offenheit ermöglichen, nicht verordnen.

Die Vorstellung einer OER-Policy löst mitunter Skepsis aus. Wenn Offenheit auf Freiwilligkeit beruht, entsteht schnell die Frage, ob ihre institutionelle Verankerung dem eigenen Anspruch widerspricht. Tatsächlich würde eine verpflichtende Veröffentlichung von Materialien dem Grundgedanken offener Bildungspraktiken kaum gerecht werden. Offenheit lässt sich nicht per Anweisung herstellen. Gerade deshalb sollte eine OER-Policy nicht als Regelwerk verstanden werden. Interessant ist vielmehr, welche Funktion eine Policy innerhalb einer Organisation übernimmt. Sie beschreibt nicht primär, was getan werden muss, sondern formuliert, welche Bedeutung Offenheit für die Institution besitzt. 


Sie schafft Orientierung, benennt Verantwortlichkeiten und macht Unterstützungsstrukturen sichtbar. 

 
Die von Co-WOERK entwickelten Musterpolicies setzen bewusst auf Empfehlungen statt Verpflichtungen. Sie formulieren ein gemeinsames Verständnis von OER, verweisen auf Unterstützungsangebote, geben Orientierung bei Fragen der Lizenzierung und benennen mögliche Anreizsysteme. Gleichzeitig lassen sie Raum für unterschiedliche institutionelle Voraussetzungen von Hochschulen und berufsbildenden Schulen. 

 Eine OER-Policy ist damit weniger ein Steuerungsinstrument als ein strategisches Signal. Sie macht sichtbar, dass Offenheit nicht allein als individuelles Engagement verstanden wird, sondern als institutionell unterstützter Entwicklungsprozess. In diesem Sinne formuliert sie ein Bekenntnis zu Open Education und schafft zugleich die Grundlage, um Verantwortlichkeiten, Unterstützungsangebote und langfristige Entwicklungsziele sichtbar zu machen.

Annahme 3: Die berufliche Bildung ist bislang ein blinder Fleck der OER-Policy-Entwicklung

Wer sich mit OER-Policies beschäftigt, stößt schnell auf zahlreiche Beispiele aus dem Hochschulbereich. Viele Hochschulen und Universitäten haben in den vergangenen Jahren entsprechende Dokumente verabschiedet oder OER in umfassendere Open-Science-Strategien integriert. Die Diskussion ist dort längst angekommen.

Für die berufliche Bildung stellt sich die Situation anders dar. Obwohl auch hier Materialien erstellt, angepasst, weiterentwickelt und geteilt werden, existieren bislang kaum strategische Dokumente, die Offenheit institutionell adressieren. Dabei stellen sich vergleichbare Fragen: 

Wie werden Lehrkräfte unterstützt? 
Welche Rolle übernehmen Schulleitungen? 
Welche Verantwortlichkeiten bestehen innerhalb der Organisation? 
Und wie lässt sich Offenheit mit Schulentwicklung verbinden?


Gerade deshalb erscheint mir die Entwicklung einer Musterpolicy für die berufliche Bildung als einer der potenziell nachhaltigsten Beiträge von Co-WOERK. Während Hochschulen auf bestehende Erfahrungen zurückgreifen können, fehlt für berufsbildende Schulen bislang vielfach ein strategischer Referenzrahmen.

Die eigentliche Frage lautet dabei nicht, ob OER auch in der beruflichen Bildung relevant sind. Die Frage lautet vielmehr, warum die institutionelle Verankerung von Offenheit dort bislang vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erhalten hat. Vielleicht liegt genau hier die Chance, einen bislang unterbelichteten Bereich der OER-Entwicklung stärker in den Fokus zu rücken.

Annahme 4: 

Die Wirkung einer OER-Policy beginnt lange vor ihrer Verabschiedung.

Eine der interessantesten Erfahrungen der vergangenen Monate besteht darin, dass die eigentliche Wirkung einer Policy häufig schon vor ihrer Verabschiedung beginnt. Sobald über Offenheit diskutiert wird, geraten grundlegende Fragen institutioneller Entwicklung in den Blick: 

Wer unterstützt Lehrkräfte oder Hochschullehrende bei Fragen der Lizenzierung? 
Wo liegen Zuständigkeiten? 
Welche Rolle spielt Openness im Schulkonzept oder Leitbild der Hochschule bzw. Universität? 
Wie können Aktivitäten sichtbar gemacht und anerkannt werden? 
Welche Unterstützungsstrukturen sind an den Institutionen notwendig (und möglich)?


Die Arbeit an den Musterpolicies hat immer wieder gezeigt, dass solche Fragen weit über OER hinausweisen. Sie berühren das Selbstverständnis von Bildungsinstitutionen, ihre strategischen Ziele und ihre Vorstellungen von Zusammenarbeit. In diesem Sinne ist die Entwicklung einer Policy selbst bereits ein Organisationsentwicklungsprozess. Nicht das fertige Dokument allein erzeugt Wirkung, sondern die Auseinandersetzung mit den Fragen, die während seiner Entstehung verhandelt werden.

Diese Beobachtung zeigt sich auch innerhalb der projektübergreifenden Arbeitsgruppe von Co-WOERK. Kolleg:innen aus allen Projektstandorten bringen unterschiedliche Perspektiven aus Hochschule, Lehrer:innenbildung und beruflicher Bildung ein. Die Herausforderung besteht dabei weniger in der Formulierung einzelner Textbausteine als vielmehr darin, unterschiedliche institutionelle Erfahrungen, Erwartungen und Bedarfe zusammenzuführen.

Parallel dazu suchen wir den Austausch mit Akteur:in nen  aus unterschiedlichen Institutionen im Bildungssystem. Denn eine Policy kann nur dann Wirkung entfalten, wenn sie nicht als Projektergebnis endet, sondern in den Einrichtungen selbst zum Gegenstand von Diskussionen und Entwicklungsprozessen wird.

Annahme 5: 

Eine nachhaltige Idee von Openness braucht Governance.

In den vergangenen Monaten habe ich im Rahmen dieses Blogs wiederholt über Communitys, Infrastruktur, OER-Ökosysteme und offene Bildungspraktiken geschrieben. Die Arbeit an den Musterpolicies ergänzt diese Perspektiven um eine weitere Dimension: Governance.

Communitys schaffen Austausch. 
Infrastruktur schafft Möglichkeiten. 
Governance schafft Orientierung.


Gerade im OER-Kontext wird dieser Aspekt häufig unterschätzt. Offenheit wird oftmals als kulturelle oder technische Herausforderung beschrieben. Beides ist richtig. Gleichzeitig stellt sich jedoch immer auch die Frage, wie Offenheit organisatorisch getragen werden kann:

Wer ist verantwortlich und wer unterstützt? 
Welche Ressourcen stehen zur Verfügung? 
Welche strategischen Ziele werden verfolgt? 
Und welche Rolle soll Offenheit langfristig innerhalb der Institution spielen?


Policies beantworten diese Fragen nicht abschließend. Sie schaffen jedoch einen Orientierungsrahmen für Zuständigkeiten, Unterstützungsstrukturen und strategische Zielsetzungen, innerhalb dessen solche Fragen bearbeitet werden können. 

Ihre Bedeutung liegt dabei weniger in einzelnen Regelungen als in ihrer institutionellen Verortung
OER-Policies können dazu beitragen, Offenheit von einer projektförmigen oder individuellen Aktivität zu einer dauerhaften Organisationsaufgabe weiterzuentwickeln. Sie machen sichtbar, welche Rolle Offenheit innerhalb einer Organisation einnimmt und unter welchen Bedingungen offene Bildungspraktiken gefördert werden sollen. 
Die Arbeit an den Musterpolicies, das Schreiben dieser Beitrag und die Erfahrungen aus dem Projekt haben mich deshalb zu einer vielleicht widersprüchlich wirkenden Schlussfolgerung geführt: 

Offenheit lässt sich nicht verordnen.
Gerade deshalb braucht sie Institutionen, die sie ermöglichen.
 

Die Herausforderung besteht nicht darin, Offenheit zu regulieren. Die Herausforderung besteht darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen sie dauerhaft handlungsfähig bleibt.



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Weiternutzung als Open Educational Resources (OER) ausdrücklich erlaubt: Dieser Blogbeitrag und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – von Tanja Jeschke, Akademische Projektmitarbeiterin an der BTU Cottbus – Senftenberg im Rahmen des Projekts Co-WOERK entwickelt worden und wird als OER unter der Lizenz CC BY-SA 4.0 International veröffentlicht; Fotos, Bilder und Grafiken sind davon jedoch ausgenommen.
Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: „Warum Openness institutionalisieren? Fünf Überlegungen zur Rolle von Policies I Blogbeitrag 07 von Tanja Jeschke, Lizenz: CC BY SA. Der Lizenzvertrag ist hier abrufbar: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de."