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Der Projektbeginn als Erkenntnisprozess 

Beitrag von Tanja Jeschke (03/2025)

Vom Antrag zum OER-Ökosystem 

Der Einstieg in ein Verbundprojekt wirkt von außen oft strategisch und konzeptionell. Tatsächlich beginnt er meist profaner: mit Kalendern, Anträgen und Systemzugängen. Doch gerade in diesen scheinbar organisatorischen Routinen zeigt sich bereits, wie stark Projektarbeit epistemisch strukturiert ist. 

Meine ersten Aufgaben waren klar umrissen: Projektantrag lesen, Termine koordinieren, OER-Wissen auffrischen, das OER-Ökosystem recherchieren. Schnell wurde jedoch deutlich, dass diese Punkte keine lineare Checkliste darstellen, sondern ein Geflecht wechselseitiger Voraussetzungen. Ohne zeitliche und infrastrukturelle Orientierung bleibt selbst ein präzise formulierter Antrag abstrakt. Projektarbeit ist daher zunächst auch Strukturarbeit. 

Den Antrag lesen heißt, das Projektdenken verstehen 

Die intensive Lektüre des Projektantrags war weniger Informationsaufnahme als vielmehr ein Perspektivwechsel (vor allem auch aus textlinguistischer Sicht). Drittmittelanträge folgen einer eigenen Rationalität: Sie verbinden wissenschaftliche Argumentation mit strategischer Positionierung, institutioneller Logik und förderpolitischer Einbettung. 

Feststehende Begriffe wie Arbeitspaket, Meilenstein oder Qualitätssicherung sind dabei nicht bloß organisatorische Marker, sondern strukturieren die epistemische Architektur des Projekts. Sie definieren u.a., was als Ziel gilt, wie Fortschritt gemessen werden soll und welche Formen von Kooperationen als relevant gesetzt wurden. 

In den ersten Meetings wurde schnell klar, dass sich diese Projektrationalität auch sprachlich manifestiert. Terminologie fungiert hier als Koordinationsinstrument. Wer Projektarbeit verstehen will, muss daher nicht nur Inhalte, sondern auch ihre strukturellen Rahmungen analysieren und neue Begriffe lernen. Interessant für mich war, dass die Begriffe einerseits ähnlich wie Fachbegriffe funktionieren (Begriff drückt eben komplexe Sachverhalte oder Abläufe aus) oder tatsächlich (ganz ,businesslike') durch englischsprachige Übersetzungen ersetzt werden (Anmerkung: Was ich davon halte, werde ich vielleicht am Ende des Projekts herausgefunden haben.)

Um etwas Licht ins Dunkel zu bringen, habe ich Kurse zum Projektmanagement und -koordination besucht, die mir im Nachhinein wirklich sehr weitergeholfen haben. Die ergänzende Auseinandersetzung mit dem Projektmanagement war für mich sowohl ein pragmatischer Schritt als auch eine analytische Erweiterung: Projektlogiken sichtbar zu machen, bedeutet ihre impliziten Annahmen über Planung, Steuerung und Erfolg zu erkennen und zu reflektieren. 

Infrastruktur als epistemische Bedingung 

Parallel zur konzeptionellen Einarbeitung stand die technische Integration in lokale und übergreifende Systeme an. Lernmanagementsysteme, Projektmanagementtools, hochschulübergreifende Plattformen – sie alle strukturieren Kommunikations- und Entscheidungsprozesse. Digitale Infrastruktur übernimmt dabei eine essentielle Aufgaben. Sie beeinflusst Sichtbarkeit, Verantwortlichkeiten und Kooperationsformen. Gerade in einem Verbundprojekt ist sie von hohem Wert: Infrastruktur ist weitestgehend eine epistemische Bedingung von Zusammenarbeit. Sie rahmt nicht nur Arbeitsprozesse, sondern prägt auch die Möglichkeiten kollektiver Wissensrezeption und -produktion. 

Das OER-Ökosystem: Metapher oder Modell? 

Inhaltlich kristallisierte sich früh eine Leitfrage heraus: Was ist ein OER-Ökosystem?
Der Ökosystembegriff wird häufig metaphorisch verwendet. Er suggeriert Vernetztheit, Dynamik und Interdependenz. Für die Projektarbeit reicht diese Metaphorik jedoch nicht aus. Notwendig ist eine arbeitsfähige Begriffsbestimmung. Dabei stellten sich zentrale Differenzierungsfragen: 

  • Handelt es sich um ein primär technisches System (Plattformen, Repositorien, Schnittstellen)?
  • Oder um ein sozio-technisches Gefüge aus Infrastruktur, Community, Governance und rechtlichen Rahmenbedingungen?
  • Wie greifen didaktische Praxis, Lizenzmodelle und Metadatenstrukturen ineinander?


Ein enger Infrastrukturbegriff würde OER-Ökosysteme vor allem als technische Architektur verstehen. Ein weiter Begriff hingegen begreift sie als relationales Gefüge, in dem Akteur:innen, Praktiken, Normen und Technologien ko-evolvieren. Für die Konzeption im Projekt erweist sich letzteres als tragfähiger, da OER nicht isoliert als Ressource, sondern als Praxisform gedacht werden müssen. 

Reaktivierung von OER-Grundlagen 

Vor diesem Hintergrund wurde auch das „Auffrischen“ meiner Kenntnisse und Wissensbestände über Open Educational Resources zu einer konzeptionellen Notwendigkeit. Creative-Commons-Lizenzen, Open-Source-Tools, Metadaten, Portale und Plattformen, Repositorienstrukturen oder Suchindizes sind keine additiven Informationen, sondern strukturelle Elemente eines funktionierenden Ökosystems. 

Besonders sichtbar wird dies bei Metadaten: Sie sind Voraussetzung für Auffindbarkeit, Interoperabilität und Nachnutzung. Ohne sie bleibt Offenheit formal, aber nicht operativ wirksam. 

Ebenso wichtig ist für mich die Didaktik: Das OER-Canvas (Schön & Ebner, 2017) bietet in diesem Zusammenhang ein hilfreiches und praxisorientiertes Instrument. Es konkretisiert mit dem Openness-Gedanken mögliche Schritte hin zu zum eigenen OER-Material bzw. OER-Projekt, indem es Fragen nach didaktischer Zielsetzung, Zielgruppen und u.a. Lizienzierung systematisch zusammendenkt. Das Modell ist eine gelungene Hilfestellung für das Erstellen von OER. Offenheit erscheint hier nicht als normatives Ideal, sondern als gestaltbare Praxis. 

Zwischen Organisation und Theorie 

Rückblickend waren die ersten Arbeitswochen weniger durch überbordende Ergebnisse als durch begriffliche Klärungen geprägt. Der Projektbeginn erwies sich als Phase der Konzeptualisierung: Begriffe schärfen, Strukturen verstehen, implizite Annahmen explizieren. 


Ein OER-Ökosystem entsteht nicht allein durch technische Implementierung. Es formiert sich im Zusammenspiel von Infrastruktur, institutionellen Rahmenbedingungen, Praktiken in einer Community und Leitideen von Offenheit. Die ersten Schritte – Termine eintragen, Anträge lesen, Tools einrichten – erscheinen banal; doch ermöglichen sie erst den Übergang in ein spezifisches Denk- und Handlungssystem, in meinem Fall in das Projekt Co-WOERK. Projektarbeit ist daher nicht nur Organisation, sondern auch epistemische Praxis. 

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Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieser Blogbeitrag und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben –  von Tanja Jeschke, Akademische Projektmitarbeiterin an der BTU Cottbus - Senftenberg im Rahmen des Projekts Co-WOERK entwickelt worden und wird als Open Educational Resources (OER) unter der Lizenz CC BY-SA 4.0 International veröffentlicht; Fotos, Bilder und Grafiken sind davon jedoch ausgenommen. 

Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: „Der Projektbeginn als Erkenntnisprozess I Blogbeitrag 02" von Tanja Jeschke, Lizenz: CC BY SA. Der Lizenzvertrag ist hier abrufbar: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de."