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Fachcommunity-Arbeit zwischen Theorie und Praxis. Impulse nach der KNOER-Tagung 2025

Foto: CC BY 4.0 Katharina Trostorff

Foto: Christin Barbarino

Foto: CC BY 4.0 Katharina Trostorff

Fachcommunity-Arbeit in Open Science und Open Education

Gemeinsam mit Christin Barbarino habe ich am 18. Juni 2025 auf der KNOER-Tagung (17.-18. Juni 2025) in Berlin den Workshop Fach-Community-Arbeit in Open Science und Open Education durchgeführt.
Kurz zu KNOER: Das Kooperationsnetzwerk OER-förderliche Infrastrukturen und Dienste (KNOER) ist eine Vereinigung von Institutionen und Akteur:innen, die die Digitalisierung hinsichtlich der Lehr-Lern-Kultur an Bildungseinrichtungen (überwiegend Hochschulen) fördern und koordinieren. Mit dem Kooperationsnetzwerk wurde eine nachhaltige Struktur für die länderübergreifende Zusammenarbeit im digitalen Bildungsbereich geschaffen. Das Netzwerk konzentriert sich auf den Austausch und die Bündelung von OER-förderlichen, digitalen Lern- und Lehrressourcen sowie Dienstleistungen; so stellen die beteiligten Partner:innen wichtige Fragen und bringen Lösungsansätze im Bereich OER in Hochschulen voran.
 
Die Teilnehmer:innen des Workshops brachten ein großes Interesse an offenen Bildungspraktiken (OEP - Open Educational Practices) sowie an aktuellen Entwicklungen im Kontext von Open Science und Open Education mit. In diesem Blogbeitrag möchte ich an ausgewählten Aspekten über die Inhalte und wissenschaftliche Ausrichtung des Workshops berichten. Für die weitere Arbeit in Co-WOERK haben sich dieser Workshop und der Austausch mit den Teilnehmer:innen als sehr lohnend herausgestellt. Zunächst haben wir uns mit den Begriffen Open und Openness beschäftigt, sind dann zu der Idee von Fachgesellschaften/Fachcommunities übergegangen, um anschließend am Beispiel von Co-WOERK das Community Canvas Modell vorzustellen, das sich für uns in der Projektarbeit als sehr fruchtbar erwiesen hat. 
Der Anspruch auf Vollständigkeit kann natürlich nicht gewährt werden; vielmehr wird mit diesem Beitrag ein Einblick ermöglicht, mit welchen verschiedenen Inhalten und Perspektiven wir uns im Projekt bewegen.

Zwischen Erwartung, Unschärfe und Differenzierung – Der Begriff Open/Openness/Offenheit 

In der Recherche und auch im Workshop zeigte sich von Beginn an, dass der Begriff Open mittlerweile eine deutliche Unschärfe und Vieldeutigkeit erlangt hat. Die Diskussion anhand der Range of Opens (vgl. van der Vaart et al. 2013) – ein Konzept von 2013, das die Vielfalt des Begriffs in unterschiedlichen Themenfeldern (Open Access, Open Data, Open Educational Resources, Open Peer Review etc.) darstellt – veranschaulichte, dass Offenheit längst nicht mehr als konsistenter und eindeutiger Begriff gilt bzw. vielleicht auch nie galt. Dennoch ist das vielschichtige Begriffskonzept, das während der letzten Jahre unterschiedlich interpretiert und ausgestaltet wurde (vgl. Lohmeier/Mittelbach 2014), eine gute Grundlage, um die (Weiter-)Entwicklungen des Begriffs weiterhin zu verfolgen und gegebenenfalls zu rekonstruieren.

Für den weiteren Verlauf des Workshops war es also zentral, die Begriffe Open Science und Open Education abzuwägen und einen Versuch zur Beschreibung des Verhältnisses zueinander zu unternehmen. Im Hinblick auf Open Science wurde betont, dass dieser Ansatz weit über freien Zugang zu Publikationen oder die Nachnutzung von Daten im Sinne eines nachhaltigen Forschungsdatenmanagements hinausgeht und viel mehr eine umfassende Öffnung aller Stufen des wissenschaftlichen Prozesses angestrebt werden sollte. Dazu zählen neben Transparenz u.a. Grundprinzipien wie Reproduzierbarkeit, Wiederverwendbarkeit und offene Kommunikation; sie zielen darauf ab, nicht nur die Qualität wissenschaftlicher Arbeit zu steigern, sondern ebenfalls einen Wissenstransfer zwischen Wissenschaft, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik anzubahnen und zu ermöglichen.

Für Open Education haben wir wiederum herausgestellt, dass der Begriff historisch gewachsen ist und inzwischen eine Vielzahl partizipativer, digital gestützter und kollaborativer Bildungspraktiken umfasst (vgl. Grimm 2022, Deimann 2019). Das Open steht dabei für Zugang, Zusammenarbeit, (Co)-Create sowie die Integration von u.a. (digitalen) Lehr-Lernpraktiken und Netzwerken in Bildungsprozessen in sämtlichen Altersgruppen. In einer zunehmend vernetzten Welt ermöglicht die Idee von Open Education die Zusammenarbeit über institutionelle und räumliche Grenzen hinweg mit dem Ziel, gemeinsam offene Bildungsangebote zu schaffen. Aus bildungspolitischer Sicht markiert Open Education deshalb einen wichtigen Weg zur Förderung von Chancengleichheit, Selbstwirksamkeit und gesellschaftlicher Teilhabe. 
 

Exkurs

Schaut man sich die technologischen und gesellschaftlichen Wandlungsprozesse an (auch unabhängig von KI), zeigt sich im Wissenschaftsbetrieb beispielsweise, dass - im Sinne einer Open Science-Strategie - Transparenz in Forschung und vor allem bei Forschungsergebnissen aus Gründen der Nachvollziehbarkeit oder auch Qualitätssicherung immer wichtiger wird. Schaut man in den schulischen Bildungsbereich kann man diese Idee gleichermaßen auf Bildungsmaterialien übertragen. Das Teilen von Materialien stellt einen zentralen Aspekt von offenen Bildungspraktiken dar. Dass Lehrer:innen ihre Materialien untereinander teilen, sich gegenseitig Feedback geben und Materialien überarbeiten, ist Teil einer gelebten Praxis in Lehrerzimmern, also somit schon lange offenen Bildungspraktiken etabliert wurden. Unter einer Kultur des Teilens mit bildungspolitischer Perspektive versteht man eine Haltung und Praxis, bei der Individuen und Gemeinschaften Ressourcen, Wissen und Informationen miteinander teilen. Dieser Ansatz betont Kooperation, gemeinsames Nutzen und Gestalten sowie gegenseitige Unterstützung. Schaut man in unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen und in die Praxis, so zeigt sich, dass die Idee des Konzepts auf Zuspruch stößt und gleichzeitig die Offenheit und Vagheit als kritisch und weniger praktikabel für verschiedene Anwendungsszenarien eingeschätzt wird (vgl. Bock/Tribukait 2019).

Die aktuellen technologischen Entwicklungen können hinsichtlich des Vernetzens und Verbreitens als Katalysator für diese Kultur gesehen werden; wenngleich das Veröffentlichen und Teilen in einer digital vernetzten Welt ebenso datenschutzrechtliche Fragen und Lizenzfragen in den Fokus rückt. Diese Fragen stellen sich in der schulischen Praxis möglicherweise seltener und wahrscheinlich wird die Kultur des Teilens auch in den seltensten Fällen so benannt. Das bedeutet, dass eine Idee von Open/Openness/Offenheit in verschiedenen Bildungsbereichen grundsätzlich besteht; jedoch stellen sich mir zwei offene Fragen:

  1. Inwiefern hemmen die neuen Begriffe möglicherweise den Ausbau und die Etablierung dieser Bestrebungen?
  2. Und vielleicht entsteht die Zurückhaltung auch dadurch, dass "die Theorie aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm noch immer wenig Bezug zur Praxis hat".


Gerade die letzte Frage begegnet mir in der Lehrer:innenprofessionalisierung häufiger und sie stellt sich manchmal auch zurecht. Aus meiner Sicht ist in jedem Fall wichtig, diese beiden Fragen im Kopf zu behalten, um die Zurückhaltung und Skepsis gegenüber offenen Bildungspraktiken ernst zu nehmen.


Sind Fachgesellschaften gleichzusetzen mit Fachcommunities?

Zurück zum Workshop... Im Rückblick wurde mir bewusst, dass Fachgesellschaften u.a. in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen seit jeher zentrale Orte der Selbstorganisation, des fachspezifischen Diskurses und der Verständigung über Qualitäts- und Ethikstandards sind (vgl. Wissenschaftsrat 1992). Die Rolle einer Community bzw. Fachcommunity in unserem Projektrahmen sollte vor diesem Hintergrund also etwas weitergedacht werden. Die angestrebte Community, die in Co-WOERK entsteht, ermöglicht es (heute zunehmend digital) nicht nur Forschung, Lehre, Förderung wissenschaftlicher Qualifikand:innen und Vernetzung innovativ zu gestalten, sondern kann ebenso als eine gesellschaftlich relevante Plattform zum Wissensaustausch, -management und zum Austausch über bildungspolitische Positionen wie Openness anregen. Um solch einen diskursiven Raum entstehen zu lassen, haben wir das Community Canvas Modell als Orientierungshilfe für Communitybuilding (aus der Wirtschaftsbranche) genutzt. Da eine Community in Unternehmen sich häufig auch durch interdisziplinäre Teams mit individuell unterschiedlichen Voraussetzungen charakterisieren lässt und wir in Co-WOERK von einer ähnlich heterogenen potenziellen Community ausgegangen sind (Bereich der Hochschulbildung und beruflichen Bildung), haben wir uns für das Modell und den Ansatz aus der Startup-Szene entschieden. Um eine Community zu bilden oder sie bei der Etablierung zu unterstützen, stellt sich die Frage nach den Zieldimensionen der Community: Warum entsteht bzw. existiert die Community eigentlich?  Um sich dieser Frage zu nähern, schlagen Pfortmüller/Luchsinger/Mombartz (2017: 7) vier Fragen vor, die im besten Fall in der Community selbst bearbeitet werden:

  1. Was hofft die Community zu erreichen? 
  2. Inwieweit wird die Welt anders sein, wenn es diese Community gibt? 
  3. Inwieweit wäre die Welt schlechter, wenn es diese Community nicht/nicht mehr gäbe? 
  4. Wie wird es das Leben der Mitglieder beeinflussen, wenn sie Teil der Community sind? 


Bei dem Community Canvas Modell handelt es sich um ein Modell, mit dem die zentralen Elemente: Identität, Erfahrung und Struktur systematisch reflektiert werden können und damit einen wertvollen Rahmen für Aufbau und Weiterentwicklung bedeutungsvoller Communities entstehen kann. Das Modell bietet verschiedene Impulse zu den einzelnen Elementen an, um die Community zu entwickeln. Den Kern bildet das Element (1) Identität, das möglichst schnell entwickelt werden sollte, da auch die anderen Elemente davon beeinflusst werden. Communityies sollten ein konkretes Gefühl bzw. eine Idee entwickeln, welche Ziele sie haben, was zu erreichen wollen und auf welcher Wertegrundlage dies geschehen soll. Das Element (2) Erfahrung fokussiert die Community aus der Sicht der Mitglieder; dabei werden Aspekte wie geteilte Erfahrungen, Rollen und Regeln für konkrete Aktivitäten und Mehrwerte reflektiert. Das Element (3) Struktur unterteilt sich in Fragen rings um die operative Umsetzung der Communityarbeit, um eine nachhaltige Community zu realisieren (vgl. Pfortmüller/Luchsinger/Mombartz 2017). Interessant hierbei ist, dass die operative Realisierung bei der Etablierung einer Community häufig das Erste ist, woran gedacht wird. In diesem Modell ist es jedoch erst der letzte Schritt, da die Identität, das Ziel und die Werte der Community wohl eher das sind, was eine Community langfristig bestehen lässt.
In einer Gruppenarbeit haben wir auf Basis einer Placemat-Vorlage dann die Elemente und Dimensionen des Modells diskutiert und reflektiert, um Anreize für eigene Fragestellungen sowie die individuelle Praxis zu erarbeiten, um gleichermaßen die Vielschichtigkeit der Communityarbeit als Herausforderung zu skizzieren. 

 

Community of Practice – Praxis, Theorie und Umsetzung 

Zentral für unseren Workshop war ebenso das Konzept für eine Community of Practice (CoP) nach Wenger/Wenger-Trayner (2015), die drei Kennzeichen aufweist: Sie entsteht in einem begrenzbaren Bereich, in dem Menschen mit ähnlicher Expertise und/oder ähnlichen Interessen zusammenkommen; also einer bestimmten Domäne (domain). Dieses Zusammenkommen ermöglicht den Teilnehmer:innen der Community miteinander zu interagieren und voneinander und miteinander zu lernen (community). Die Mitglieder sind aktiv involviert, indem sie ihre Praktiken teilen und weiterentwickeln, teilweise auch unbewusst (practice). 
Vor diesem theoriegeleiteten Hintergrund ist die Idee der Community of Practice (CoP) in Co-WOERK gewachsen. Im Workshop haben wir dann über unsere Erfahrungen und Learnings aus den ersten beiden Projekthalbjahren berichtet und vorsichtige Hands-on-Tipps für die Etablierung von (Fach-)Communities gegeben, z.B.:

  • Regelmäßige Treffen zu einem festen Zeitpunkt 
  • Aufgaben und Rollen in einem beweglichen System verteilen
  • Außendarstellung im Blick behalten
  • Kollektive Verantwortung?!
  • Food always builds community :-) (Liebe Christin, danke für diesen wunderbaren und wichtigen Hinweis!)


Aus der Tagung und dem Workshop ziehe ich das Fazit, dass Offenheit zwar als Begriff unscharf geworden ist, aber diese Vieldeutigkeit produktiv genutzt werden kann – sofern eine sorgfältige Reflexion und Kontextualisierung erfolgt. Durch Community-of-Practice-Ansätze, den differenzierten Umgang mit der Range of Opens und das Community Canvas Modell gelingt es, das breite Feld offener Bildungs- und Wissenschaftsprozesse greifbar, praktikabel und anschlussfähig für verschiedene Akteur:innen zu machen. Die KNOER-Tagung hat intensive Impulse geliefert, wie wir Offenheit im Sinne nachhaltiger Teilhabe, Innovationsfähigkeit und gesellschaftlicher Verantwortung weiter ausgestalten können.


Literatur: 

Bock, Annekatrin/Tribukait, Maren (2019): Kultur des Teilens: Ein kritischer Blick auf ein zentrales Konzept der OER-Bewegung. MedienPädagogik: Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung, 34, 47–66. https://doi.org/10.21240/mpaed/34/2019.02.22.X


Deimann, Markus (2019): Open Education: Auf dem Weg zu einer offenen Hochschulbildung (pp. 13-72). Bielefeld: transcript Verlag. https://doi.org/10.1515/9783839444962

Grimm, Susanne (2022): Open Education - ein historisch gewachsener Begriff. URL: https://open-educational-resources.de/open-education-ein-historisch-gewachsener-begriff/. (Zugriff: 28.07.2025)

Lohmeier, Felix/Mittelbach, Jens (2014): Offenheit statt Bündniszwang. In: Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 61, 4–5: 209–14.

Pfortmüller, Daniel/Luchsinger, Nico/Mombartz, Sascha (2017): Das Community Canvas Handbuch. Anleitung zum Aufbau bedeutungsvoller Communitys“. Übersetzt von Tanja Laub. URL: https://www.communitymanagement.de/wp-content/uploads/2018/12/Community-Canvas-Handbuch-Deutsch.pdf. (Zugriff: 11.6.2025)

Wenger, Etienne/Wenger-Trayner, Beverly (2015): Introduction to communities of practice. a brief overview of the concept and its uses. URL: https://www.wenger-trayner.com/introduction-to-communities-of-practice/ (Zugriff: 11.6.2025)

Vaart, Lilian van der/Berchum, Marnix van/Bruce, Rachel/Burgess, Maureen/Hanganu, Gabriel/Jacobs, Neil/Lecarpentier, Damien/Pinfield, Stephen/Strokes, Paul (2013): E-InfraNet: ‘Open’ as the Default Modus Operandi for Research and Higher Education URL: https://www.oerknowledgecloud.org/archive/e-InfraNet-Open-as-the-Default-Modus-Operandi-for-Research-and-Higher-Education.pdf. (11.06.2025)

Wissenschaftsrat (1992): Zur Förderung von Wissenschaft und Forschung durch Fachgesellschaften. URL: https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/0823-92.pdf?__blob=publicationFile&v=1 (Zugriff: 11.6.2025) 


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Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieser Blogbeitrag und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben –  von Tanja Jeschke, Akademische Projektmitarbeiterin an der BTU Cottbus - Senftenberg im Rahmen des Projekts Co-WOERK entwickelt worden und wird als Open Educational Resources (OER) unter der Lizenz CC BY-SA 4.0 International veröffentlicht; Fotos, Bilder und Grafiken sind davon jedoch ausgenommen. 

Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: „Fachcommunity-Arbeit in Open Science und Open Education. Impulse nach der KNOER-Tagung 2025 I Blogbeitrag 04" von Tanja Jeschke, Lizenz: CC BY SA. Der Lizenzvertrag ist hier abrufbar: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de."