Meine Leidenschaft für Sprachdidaktik

Als erfahrene Dozentin verbinde ich fundiertes Wissen mit praxisnahen Methoden, um Lehrkräfte nachhaltig zu stärken.

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Auf der OER im Blick nachdenken über Mythen zu OER als Gesprächsanlass

„Welcome to the Jungle“ – unter diesem Motto stand die Statuskonferenz OER im Blick 2026, die Ende April im Kölner smartvillage stattfand. Zwei Tage lang kamen Projekte, Förderlinien, Wissenschaftler:innen, Lehrende und Infrastrukturakteur:innen zusammen, um über offene Bildung, OER, digitale Infrastruktur, KI und Open Educational Practices zu diskutieren. Schon der Konferenztitel und das visuelle Leitmotiv des „OER-Dschungels“ deuteten an, worum es an vielen Stellen ging: Orientierung in einem Feld, das zunehmend vielfältiger, komplexer und gleichzeitig strategisch relevanter wird.

Die Konferenz machte dabei erneut sichtbar, dass OER längst nicht mehr ausschließlich als Frage einzelner Materialien diskutiert werden. Vielmehr verschieben sich die Diskussionen zunehmend in Richtung Infrastruktur, Community-Building, offene Bildungspraktiken und institutioneller Verankerung. Gleichzeitig wurde in vielen Sessions deutlich, dass Offenheit trotz bildungspolitischer Dynamik weiterhin erklärungsbedürftig bleibt. Gerade dort, wo OER in konkrete Lehr- und Arbeitskontexte übersetzt werden sollen, entstehen Unsicherheiten, Vorbehalte oder Missverständnisse.

Zwischen Unsicherheit und Offenheit

„Darf ich meine Folien überhaupt teilen?“
„Sind OER nicht automatisch qualitativ schlechter?“
„Mache ich mir mit offenen Materialien nicht nur mehr Arbeit?“

Solche Fragen begegnen uns im Projektkontext regelmäßig – in Gesprächen mit Lehrenden, in Workshops, in Community-Treffen oder im Austausch mit Serviceeinrichtungen. Und sie sind keineswegs Ausdruck mangelnder Offenheit oder Ablehnung. Vielmehr verweisen sie auf strukturelle Unsicherheiten in einem Feld, das stark von rechtlichen, technischen und institutionellen Rahmenbedingungen geprägt ist.

Gerade in Hochschulen und beruflichen Schulen fällt es häufig nicht leicht, Nicht-Wissen offen sichtbar zu machen. Fragen zu Urheberrecht, Lizenzierung oder Nachnutzung berühren professionelle Selbstverständnisse und bewegen sich gleichzeitig in institutionellen Kontexten, die oftmals hierarchisch organisiert sind. Unsicherheit wird dort schnell individualisiert, obwohl sie häufig strukturelle Ursachen hat.

Im Projekt Co-WOERK entstand deshalb die Idee, typische Mythen rund um offene Bildungsmaterialien sichtbar zu machen – nicht in Form klassischer Informationsbroschüren, sondern als niedrigschwelliger Gesprächsanlass. Federführend entwickelte ich gemeinsam mit Kolleg:innen aus Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern zwei sogenannte Mythenfächer: einen für den Hochschulbereich und einen für die berufliche Bildung. Entwickelt wurden die Materialien gemeinsam mit Nancy Walter und Miguel Martin Parker (Universität Potsdam), Gesina Seyfert und Anna Höffler (Hochschule Neubrandenburg) sowie Karsten Herzog (Universität Rostock).

Die Idee dahinter war bewusst einfach gehalten: verbreitete Aussagen aufgreifen, Missverständnisse sichtbar machen und gleichzeitig Räume für Austausch eröffnen.

Warum gerade Mythen?

Interessant ist, dass viele Vorbehalte gegenüber OER weniger auf konkreten Erfahrungen beruhen als auf impliziten Annahmen. Aussagen wie „Kostenlos bedeutet automatisch offen“ oder „OER führen zu Kontrollverlust“ wirken zunächst technisch oder rechtlich, berühren aber häufig grundlegendere Fragen:

– Wem „gehören“ Lehrmaterialien eigentlich?
– Wie sichtbar möchte ich mit meiner Lehre sein?
– Was passiert, wenn andere meine Materialien verändern?
– Wie verändert Offenheit professionelle Rollenverständnisse?

Gerade darin liegt aus meiner Sicht eine zentrale Beobachtung: Diskussionen über OER sind häufig auch Diskussionen über Autorschaft, Qualität, Kontrolle und professionelle Identität.

Die beiden Fächer greifen diese Fragen deshalb bewusst niedrigschwellig auf. Sie arbeiten mit kompakten Texten, rechtlichen Einordnungen und konkreten Beispielen aus Hochschullehre und beruflicher Bildung. Dabei ging es nie darum, „richtige“ Antworten vorzugeben. Vielmehr sollten Materialien entstehen, die Gespräche ermöglichen – im Lehrerzimmer, in Fachbereichen, in hochschuldidaktischen Kontexten oder auf Tagungen.

Dass ein solches Format notwendig ist, zeigte sich auch auf der Konferenz selbst. Viele Gespräche kreisten um ähnliche Fragen: Wie offen können Materialien tatsächlich sein? Welche Rolle spielen Qualitätskriterien? Wie viel Infrastruktur braucht Offenheit? Und wie lassen sich offene Praktiken langfristig institutionell absichern?

Lehrerbildung als zentraler Bezugspunkt

Für mich persönlich lag ein besonderer Schwerpunkt der Konferenz auf den Sessions zur Lehrkräftebildung – nicht zuletzt deshalb, weil ich selbst aus der Lehrerbildung komme und viele der dort diskutierten Fragen unmittelbar an meine bisherigen Erfahrungen anschließen.

Besonders interessant war in diesem Zusammenhang der Workshop „Offene Bildungspraktiken in der phasenübergreifenden Lehrkräftebildung“. Dort wurde diskutiert, wie Offenheit stärker als gemeinschaftliche und institutionsübergreifende Praxis verstanden werden kann. Im Mittelpunkt standen Good Practices aus Projekten wie digiLL_COM oder dem MediaLab Lehramt der RWTH Aachen sowie die Frage, wie Kooperationen zwischen Hochschule, Schule und Medienzentren nachhaltiger gestaltet werden können.

Spannend erschien mir dabei vor allem die Idee sogenannter „Digital Making Places“, die Räume für kollaboratives Arbeiten schaffen – etwa mit Audio-/Videoproduktion, 3D-Druck oder Lasercutting. Gerade im Kontext phasenübergreifender Lehrkräftebildung wirken solche Ansätze interessant, weil sie Offenheit nicht nur curricular oder technisch denken, sondern als gemeinsame Praxis des Entwickelns, Erprobens und Reflektierens.

Im Workshop selbst wurde zudem ein Spiel eingesetzt, das unterschiedliche Perspektiven und Herausforderungen phasenübergreifender Zusammenarbeit sichtbar machte. Gerade für Fragen der Hochschulpraktika oder der Kooperation zwischen erster und zweiter Phase der Lehrkräftebildung erschien mir dieser Zugang besonders spannend, weil er institutionelle Schnittstellen nicht abstrakt beschreibt, sondern praktisch erfahrbar macht.

Auch andere Sessions der Konferenz griffen zentrale Fragen der Lehrkräftebildung auf – etwa Community-Plattformen, OER-Sprints oder offene Prüfungsformate. Insgesamt entstand dabei der Eindruck, dass Lehrkräftebildung innerhalb des OER-Diskurses zunehmend als strategischer Bereich verstanden wird. Offenheit wird dort nicht mehr allein über Materialien gedacht, sondern verstärkt über Professionalisierung, Kooperation und gemeinsame Entwicklung von Lehr-/Lernkulturen.

Offenheit zwischen Infrastruktur und Praxis

Auffällig war auf der Tagung insgesamt, wie stark Fragen der Infrastruktur inzwischen in den Vordergrund rücken. Sessions zu OER-Repositorien, Metadaten, Community-Plattformen oder digitalen Ökosystemen machten deutlich, dass Offenheit zunehmend infrastrukturell gedacht wird. Materialien sollen nicht nur erstellt, sondern auffindbar, anschlussfähig, adaptierbar und langfristig nutzbar sein.

Gleichzeitig zeigte sich jedoch ebenso deutlich, dass technische Infrastruktur allein keine offenen Bildungspraktiken erzeugt. Viele Diskussionen bewegten sich deshalb genau im Spannungsfeld zwischen technischen Möglichkeiten und kulturellen Voraussetzungen.

Besonders interessant war in diesem Zusammenhang auch der Workshop zu einem möglichen OER-Dateiformat „Unterricht“. Dort wurde diskutiert, wie Unterrichtsmaterialien künftig stärker als zusammenhängende didaktische Arrangements gedacht werden könnten – also nicht nur als einzelne Datei, sondern als Kombination aus Materialien, methodischen Hinweisen, Ablaufbeschreibungen und Kontextinformationen. Gerade für die Lehrkräftebildung verweist dies auf eine interessante Entwicklung: weg vom isolierten Material hin zu stärker kontextualisierten und anschlussfähigen Lehr-/Lernszenarien.

OER als kulturelle Praxis

Rückblickend wurde auf der Konferenz erneut deutlich, dass OER nicht allein als technisches oder rechtliches Thema verstanden werden können. Offenheit entsteht nicht automatisch durch Plattformen, Lizenzen oder Förderprogramme. Sie bleibt wesentlich an soziale Praktiken gebunden: an Austausch, Kollaboration, Vertrauen und die Bereitschaft, Materialien sichtbar und diskutierbar zu machen.

Gerade deshalb erscheinen mir Formate wie die Mythenfächer interessant. Nicht, weil sie komplexe Diskussionen abschließend beantworten könnten, sondern weil sie Unsicherheiten sichtbar machen, ohne sie zu problematisieren. Vielleicht liegt genau darin ihr eigentlicher Wert: Sie schaffen niedrigschwellige Gesprächsanlässe in einem Feld, das häufig zwischen rechtlicher Komplexität, infrastrukturellen Anforderungen und didaktischen Fragen oszilliert.

Die Konferenz OER im Blick hat dabei erneut gezeigt, dass sich das OER-Ökosystem zunehmend ausdifferenziert. Neben Infrastruktur und Policy gewinnen insbesondere Communitys, offene Bildungspraktiken und Fragen institutioneller Kultur an Bedeutung. Offenheit erscheint damit weniger als einzelne Methode oder Materialform, sondern zunehmend als langfristiger Aushandlungsprozess innerhalb von Bildungsinstitutionen.

Vielleicht beginnt genau dort auch nachhaltige OER-Arbeit: nicht erst bei Plattformen oder Policies, sondern in den kleinen Gesprächen über Unsicherheiten, Vorbehalte und Fragen, die im Alltag häufig unausgesprochen bleiben.