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Ein Jahr Co-WOERK: Was gewachsen ist und was weitergedacht werden will

Beitrag von Tanja Jeschke (12/2025)

Das alles ist passiert

Mit dem Ende des ersten Projektjahres in Co-WOERK wird deutlicher denn je: Der Aufbau bzw. die Aufrechterhaltung eines OER-Ökosystems ist in erster Linie eine Frage der Strukturentwicklung. Community-Arbeit, didaktische Konzepte und strategische Leitlinien sind zentrale Bausteine – doch ohne tragfähige digitale Infrastruktur bleiben sie fragmentarisch. Gleichzeitig scheint die Infrastruktur auf der technischen Ebene für den Bereich der Hochschulbildung die kleinste Herausforderung zu sein. Vielmehr rücken Fragen und Aspekte wie hochschulpolitische Bekenntnisse und/oder Empfehlungen zu Open Education, OER, Open Science, Finanzierungsoptionen sowie eine langfristige und nachhaltigen Nutzung in den Vordergrund. OER (nicht nur im Kontext von Co-WOERK) im Blick zu behalten heißt daher, Infrastruktur und Haltung zusammenzudenken.

Infrastruktur als strukturelles Rückgrat

Ein Schwerpunkt des vergangenen Jahres lag auf der Entwicklung und konzeptionellen Einbettung eines geplanten OER-Repositoriums. Dabei wurde zunehmend sichtbar, dass Infrastruktur mehr ist als ein technisches System zur Speicherung von Materialien. Sie kann Sichtbarkeit ermöglichen und strukturieren sowie Qualitätsprozesse beeinflussen. Für eine solche Infrastruktur in Co-WOERK braucht es Metadatenstandards, die letztlich erst eine Anschlussfähigkeit an überregionale Netzwerke schaffen.

Die Auseinandersetzung mit Repositorien, der Frage, welche Aufgaben Metadaten im Zusammenhang mit OER haben und warum sie so zentral sind und was Schnittstellen bewirken, hat meinen Blick auf digitale Infrastruktur grundlegend erweitert. Infrastruktur entscheidet darüber, wie leicht Materialien auffindbar sind, wie gut sie weiterverwendet werden können und in welchem Maße Kooperation ermöglicht wird. Sie ist damit kein neutraler Rahmen, sondern ein aktiver Gestaltungsfaktor im OER-Ökosystem.

Im Projekt wurde das Repositorium bewusst nicht als isolierte Plattform konzeptualisiert, sondern als Bestandteil eines umfassenderen Ökosystems, das Serviceangebote, Community-Strukturen und hochschulpolitische und hochschulstrategische Perspektiven integriert. Eine zentrale Erkenntnis meines ersten Projektjahres: Nachhaltige Offenheit entsteht nicht durch einzelne Tools, sondern durch infrastrukturell gestützte Prozesse.

Community of Practice: Austauschräume und gelebte Offenheit

Parallel zur Infrastrukturentwicklung wurde die Community of Practice (monatliche Treffen) kontinuierlich ausgebaut. Offenheit entsteht nicht abstrakt, sondern dort, wo Lehrende Materialien, Ideen und Erfahrungen teilen und damit ihre Hochschullehre und ihren Unterricht sichtbar, anschlussfähig und weiterentwickelbar machen. Im Laufe des Jahres wurden vielfältige Themen aufgegriffen – von Lizenzen und Urheberrecht über offene Lehrvideos bis hin zu OER trifft KI – Chancen und Herausforderungen. Praxisnahe Formate wie How To for Beginners: Wie erstelle ich mein erstes offenes Lehrmaterial? oder das Kick-Off zum Moodle-Selbstlernkurs zur OER-Entwicklung zielten darauf ab, konkrete Einstiegshürden abzubauen. Mit Veranstaltungen zu Tools wie LiaScript oder Diskussionen zur Lehrkräftebildung  zum Thema Offenheit von Anfang an wurde deutlich, wie eng technische Werkzeuge, didaktische Überlegungen und strukturelle Fragen miteinander verbunden sind (vollständige Übersicht über die Community-Treffen und Veranstaltungen).

Die kontinuierlichen Austauschräume haben gezeigt, dass eine Kultur des Teilens nicht durch Appelle entsteht, sondern durch wiederkehrende Gelegenheiten zum gemeinsamen Lernen. Gerade in Zeiten technologischer Dynamik – etwa im Kontext generativer KI – wurde die Community zu einem wichtigen Raum, in dem Unsicherheiten adressiert, Erfahrungen geteilt und neue Praktiken erprobt werden können.

Präsenz, Austausch und strategische Reflexion

Neben den Online-Formaten waren die Präsenztreffen im Team – in Cottbus und Frankfurt (Oder) – wichtige Meilensteine für das Projekt und natürlich auch das Projektteam. Sie ermöglichten konzentrierte Arbeitsphasen zur Infrastrukturentwicklung, strategische Abstimmungen und informelle Gespräche. In einem Verbundprojekt mit mehreren Standorten sind solche Treffen essenziell, um gemeinsame Zielperspektiven, Wünsche und Anforderungen zu schärfen.

Auch die Präsentation des Standorts Cottbus auf der ZDT-Jahrestagung (Zentrum der Brandenburgischen Hochschulen für Digitale Transformation) im November bot eine wichtige Gelegenheit zur gemeinsamen Bilanzierung und zur kritischen Reflexion der bisherigen Entwicklungen. Die Diskussionen zum Aufbau des OER-Ökosystems und zur Rolle digitaler Infrastruktur verdeutlichten, dass OER zunehmend als strategisches Thema der Hochschulentwicklung wahrgenommen und institutionell verortet wird. 

Policy als EIN nächster Hebel

Mit Blick auf das kommende Projektjahr rückt die Entwicklung einer OER-Policy stärker in den Vordergrund. Während digitale Infrastruktur die technischen Voraussetzungen für Offenheit schafft und die Community kulturelle Dynamiken trägt, übernimmt eine Policy eine andere, ebenso zentrale Funktion: Sie bietet Orientierung und schafft einen institutionellen Rahmen. Auch wenn Policies in der Regel empfehlenden Charakter haben, setzen sie dennoch Leitplanken und signalisieren strategische Prioritäten.

Im Projekt wurde deshalb eine Arbeitsgruppe zur Policy-Entwicklung eingerichtet. Ziel ist es, Muster-Policies zu erarbeiten und strukturelle Rahmenbedingungen für OER an Hochschulen und beruflichen Schulen zu skizzieren. Dabei geht es weniger um formale Leitlinien, sondern mehr um grundlegende Fragen, die die Basis für solch eine Policy bilden, z.B: 

  • Wie kann die Idee von Open Education institutionell unterstützt werden? 
  • Welche Formen von Lizenzierung und Qualitätssicherung spielen in dem Zusammenhang für die Institution eine Rolle? 
  • Wie und wo können offene Bildungsmaterialien sichtbar gemacht und anerkannt werden?

Für die Arbeitsgruppe bedeutet dies, unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen und konkrete Möglichkeiten aufzuzeigen, wie Offenheit strategisch verankert werden kann. Letztlich geht es darum, OER nicht als zeitlich begrenztes Projekt, sondern mit einer nachhaltigen institutionellen Perspektive zu denken – eingebettet in bestehende Strukturen und zugleich offen für Weiterentwicklung. 

Bloggen als Reflexionsraum und was kommt jetzt 

Ein unerwartet wertvoller Bestandteil dieses Projektjahres war für mich das Schreiben dieses Blogs selbst. Die regelmäßige Auseinandersetzung mit der Projektarbeit – mit Fragen der Infrastruktur, der Community-Entwicklung und der strategischen Ausrichtung – hat mir geholfen, komplexe Zusammenhänge zu ordnen und implizite Annahmen bewusster wahrzunehmen. Das Blogschreiben wurde so zu einem eigenen Erkenntnisraum: Zwischen wissenschaftlicher Einordnung und persönlicher Perspektive entstand für mich ein Ort, an dem Entwicklungen nicht nur dokumentiert, sondern auch kritisch weitergedacht werden konnten. 

Mit Beginn der Weihnachtspause – auch am Multimediazentrum im IKMZ der BTU– entsteht nun ein Moment des Innehaltens. Das erste Jahr hat mir deutlich vor Augen geführt, wie eng technische, kulturelle und strategische Dimensionen miteinander verflochten sind. OER im Blick zu behalten bedeutet für mich, Offenheit nicht nur theoretisch zu bejahen, sondern sie strukturell zu ermöglichen und institutionell weiterzuentwickeln. 

Mit diesen Erfahrungen gehe ich motiviert in das kommende Projektjahr. Ein besonderer Schwerpunkt wird für mich die Weiterarbeit in der Policy-Arbeitsgruppe sein. Ich möchte dazu beitragen, die bisherigen Überlegungen zu konkretisieren, Muster-Policies weiter auszuarbeiten und strategische Verankerungsmöglichkeiten präziser zu formulieren. Mein Ziel und unser gemeinsames Ziel ist es, tragfähige Leitlinien mitzuentwickeln, die Infrastruktur, Community und institutionelle Verantwortung miteinander verbinden.
 

Gleichzeitig bleibt der Community-Aufbau ein zentrales – und durchaus anspruchsvolles – Arbeitsfeld. Ich erlebe, dass eine lebendige Community nicht automatisch entsteht. Sie braucht Zeit, Verlässlichkeit, kontinuierliche Impulse und den Mut, unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen. Auch wenn dieser Prozess mitunter herausfordernd ist, sehe ich gerade darin seine Bedeutung: Gemeinschaft wächst nicht durch einzelne Veranstaltungen, sondern durch nachhaltige und kontinuierliche Angebote und Netzwerke. Diesen Weg möchte ich im kommenden Jahr weitergehen – mit Geduld, Offenheit und dem Vertrauen, dass sich Arbeit langfristig auszahlt. 


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Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieser Blogbeitrag und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben –  von Tanja Jeschke, Akademische Projektmitarbeiterin an der BTU Cottbus - Senftenberg im Rahmen des Projekts Co-WOERK entwickelt worden und wird als Open Educational Resources (OER) unter der Lizenz CC BY-SA 4.0 International veröffentlicht; Fotos, Bilder und Grafiken sind davon jedoch ausgenommen. 

Nennung gemäß TULLU-Regel bitte wie folgt: „Ein Jahr Co-WOERK: Was gewachsen ist und was weitergedacht werden will I Blogbeitrag 06" von Tanja Jeschke, Lizenz: CC BY SA. Der Lizenzvertrag ist hier abrufbar: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de."