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Open Education live und in Farbe
Beitrag von Tanja Jeschke (06/2025)
Tagungseindrücke und Perspektiven für OER-Communities
Offene Bildungsressourcen (OER) stehen im Mittelpunkt vieler bildungspolitischer und wissenschaftlicher Diskussionen, doch ihre praktische Umsetzung stößt weiterhin auf zahlreiche Hürden. Zwei Tagungen im Frühjahr 2025 boten spannende Einblicke in aktuelle Projekte, den Stand der OER-Infrastruktur und die Arbeit von Open-Education-Communities: die Konferenz OER im Blick am 13. und 14. Mai in Jena sowie der 1. MOERFI-Demo-Tag am 2. und 3. Juni in München. Beide Veranstaltungen zeigten, wie wichtig Vernetzung, Community-Arbeit und Standards für Open Education sind.
1. OER im Blick in Jena: Offenheit aktiv gestalten
Die Konferenz in Jena kombinierte Fachvorträge, Postersessions und interaktive Workshops. In seiner Keynote machte Daniel Otto deutlich: Offenheit in Bildungssystemen entsteht nicht automatisch, sondern muss aktiv gestaltet, institutionell unterstützt und fortlaufend reflektiert werden. Spannungsfelder zwischen Innovationsdruck, institutionellen Interessen und technologischen Entwicklungen prägen die Umsetzung von OER in Schule und Hochschule.
Die Postersessions boten Gelegenheit zum Austausch mit Projekten der Förderrichtlinie OE_COM, um Erfahrungen, Materialien und erste Projektergebnisse zu teilen. Das Format OER mit Vorstellungskraft ermöglichte zudem eine praxisnahe Erkundung von didaktischen, technologischen und organisatorischen Facetten von OER.
Am zweiten Tag vertiefte ich fachlich besonders die Lehrer:innenprofessionalisierung im Rahmen des Projekts PrimOER. Im Workshop Inklusive, chancengerechte Bildung durch Kooperation von Lehrenden wurden sowohl die Perspektiven der Lehrenden als auch die Auswirkungen auf Lernende diskutiert. Wesentliche Herausforderungen waren die Etablierung einer Kultur des Teilens, die Motivation der Beteiligten und die Reflexion offener Bildungspraktiken in der Lehrkräftebildung.
Ein weiterer zentraler Workshop behandelte die Erarbeitung eines hochschulübergreifenden OER-Kodex (Silvia Retzlaff, Nancy Walter, Saskia Buschler). Darin wurden unterschiedliche Blickwinkel und Leitfragen diskutiert:
- Kommunikation und Kulturwandel: Wie kann eine institutionelle Kultur des Teilens etabliert werden?
- Technologischer Fortschritt und KI: Welche Rolle spielen KI-gestützte Werkzeuge bei Produktion und Verbreitung von OER und wie werden Qualität und Transparenz gesichert?
- Infrastruktur: Welche Anforderungen an interoperable, öffentlich zugängliche Repositorien bestehen?
- Lizenzierung: Wie lassen sich Materialien offen lizenzieren, auch bei KI-generierten Inhalten?
Ein Kodex soll als praxisnaher Leitfaden fungieren, der Standards, Governance und gemeinschaftliche Verantwortung in Open-Education-Communities stützt und rahmt.
2. MOERFI-Demo-Tag in München: Infrastruktur, Vernetzung und Community
Der 1. MOERFI-Demo-Tag am FWU München-Grünwald zeigte, wie technische Infrastruktur, Vernetzung und Community-Arbeit zusammenwirken müssen, um ein funktionierendes OER-Ökosystem zu etablieren. In der Keynote von Frank J. Müller wurde die Bedeutung von Interoperabilität, Nachhaltigkeit und Offenheit betont. Im Markt der Möglichkeiten präsentierten verschiedene Plattformen ihre Ansätze: Von schulischen Repositorien über Hochschul-Portale bis zu fächerübergreifenden Lösungen. Besonders deutlich wurde: Infrastruktur allein reicht nicht – erst durch Vernetzung, gemeinsame Standards und Austausch in Communities entfalten OER ihre volle Wirkung.
Vertiefende Workshops zeigten konkrete Handlungsfelder auf:
- Barrierefreiheit und Inklusion: Gestaltung offener Materialien für diverse Zielgruppen; Förderung inklusiver Praxis in OE-Communities.
- Interoperabilität und Kollaboration: Nutzung von Standards und Metadaten, Schnittstellen zwischen Plattformen, Austausch und Nachnutzbarkeit.
- Didaktisierung und lernortübergreifende Szenarien: Materialien entfalten Wirkung nur, wenn Lehrende gemeinsam planen, reflektieren und anpassen.
- Usability und Motivation: Nutzerfreundlichkeit und Gamification fördern Beteiligung, ersetzen aber nicht Kodizes und Community-Strukturen.
Diese Workshops machten klar, dass Open Education mehrdimensional zu verstehen ist: Technik, Didaktik, Governance und Community müssen zusammenwirken, um ein tragfähiges OER-Ökosystem zu etablieren.
Die Eindrücke aus der OER im Blick in Jena und dem MOERFI-Demo-Tag in München zeigen deutlich: Open Education (OE) ist kein isoliertes Konzept, das sich auf Materialien oder Plattformen reduzieren lässt. Vielmehr handelt es sich um ein sozio-technisches Gefüge, das Menschen, Infrastrukturen, didaktische Praktiken, institutionelle Rahmenbedingungen und kulturelle Haltungen miteinander verknüpft.
Zentrale Erkenntnis 1: Vernetzung ist die Basis von OE
Die nachhaltige Wirkung von OER entsteht erst dort, wo Akteur:innen, Projekte und Plattformen systematisch miteinander verbunden werden. Tagungen, Workshops und Austauschformate fungieren dabei selbst als Knotenpunkte für OE-Communities. Sie ermöglichen Peer-Feedback, Erfahrungsaustausch, Sichtbarkeit und das gemeinsame Erarbeiten von Prioritäten und Werten für die Zusammenarbeit und das Voranbringen des Themas. Ohne diese Vernetzung bleiben Ressourcen isoliert, Innovationen fragmentiert und Teilhabe ungleich verteilt.
Zentrale Erkenntnis 2: OE-Communitys sind die Triebkraft von Offenheit
Eine funktionierende OE-Community strukturiert Wissen, sichert Qualität und schafft soziale Anerkennung für die Beteiligten. In Jena zeigte sich, dass Lehrkräfte, Forschende und Projektakteur:innen nur durch kollektives Teilen, Moderation und reflektierte Governance nachhaltige Offenheit etablieren können. Gemeinschaften entwickeln gemeinsame Standards, unterstützen die Nutzung von OER in der Praxis und fördern kontinuierlich die Kompetenzentwicklung ihrer Mitglieder.
Zentrale Erkenntnis 3: Infrastruktur ist kein Selbstzweck, sondern Vernetzungsraum
Die MOERFI-Veranstaltung machte deutlich, dass technische Plattformen, Repositorien und Schnittstellen die Grundlage bieten, aber erst durch Vernetzung und Community-Praxis ihre volle Wirkung entfalten. Interoperabilität, Barrierefreiheit und Nachnutzbarkeit sind Voraussetzungen, aber keine Garantie für offenen Austausch. Erst in Verbindung mit aktiven Community-Strukturen, transparenten Prozessen und didaktisch reflektierten Inhalten entsteht ein tragfähiges Ökosystem.
Zentrale Erkenntnis 4: Offenheit erfordert kulturelle und institutionelle Unterstützung
Offenheit ist keine Selbstverständlichkeit. Sie benötigt organisatorische, technische und kulturelle Rahmungen: Leitlinien, Kodizes, Schulungen, transparente Prozesse und motivierende Anreize für Teilnahme und Teilhabe. Gleichzeitig braucht OE die Bereitschaft der Beteiligten, Verantwortung zu übernehmen, Wissen zu teilen und gemeinsam Standards zu entwickeln.
Die Tagungen machen in mehrfacher Hinsicht deutlich, dass der Aufbau eines nachhaltigen OER-Ökosystems ein kontinuierlicher Prozess ist. Einzelprojekte oder Plattformen allein reichen nicht aus; entscheidend ist die kooperative Gestaltung zwischen Infrastruktur, Didaktik und Community. OE-Communities sind dabei nicht nur Nutznießer, sondern aktive Gestalterinnen: Sie setzen Standards, geben Impulse für Innovation und schaffen eine Kultur des Teilens.
Für die Praxis bedeutet dies:
- Netzwerke müssen bewusst aufgebaut und gepflegt werden.
- Technische Systeme, Inhalte und Prozesse müssen aufeinander abgestimmt sein.
- Offene Bildungspraktiken entfalten erst durch kollektive Reflexion, Peer-Support und kontinuierliche Weiterentwicklung ihre Wirkung.
Kurz gesagt: Open Education lebt von Vernetzung, Community und kontinuierlicher Gestaltung. Wer OE implementieren will, muss die Menschen hinter den Materialien, die Strukturen, die technischen Systeme und die Kultur des Teilens als integriertes System betrachten. Tagungen wie OER im Blick und der MOERFI-Demo-Tag zeigen, dass sich viele Menschen bereits auf den Weg gemacht haben – und dass die Zukunft offener Bildung vor allem durch kooperative, vernetzte Initiativen gestaltet wird.
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Weiternutzung als OER ausdrücklich erlaubt: Dieser Blogbeitrag und dessen Inhalte sind – sofern nicht anders angegeben – von Tanja Jeschke, Akademische Projektmitarbeiterin an der BTU Cottbus - Senftenberg im Rahmen des Projekts Co-WOERK entwickelt worden und wird als Open Educational Resources (OER) unter der Lizenz CC BY-SA 4.0 International veröffentlicht; Fotos, Bilder und Grafiken sind davon jedoch ausgenommen.
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