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Das Ökosystem im Geflecht von Infrastruktur und Praxis
Beitrag von Tanja Jeschke (11/2025)
Open Education als struktureller Transformationsrahmen
Die Entwicklung eines OER-Ökosystems ist weit mehr als die Bereitstellung einzelner offen lizenzierter Materialien. Sie ist Teil eines umfassenden Transformationsprozesses in der schulischen Bildung und der Hochschullehre. Open Education fungiert dabei als Leitidee, die Transparenz, Teilhabe, Kollaboration und Qualitätsentwicklung miteinander verbindet. Offenheit wird nicht als bloßer Zugang verstanden, sondern als strukturelles Prinzip, das Lehr- und Lernprozesse neu organisieren kann. Gleichzeitig zeigt die Diskussion um die Range of Opens (Blogbeitrag), dass Offenheit kein eindeutiger Begriff ist, sondern unterschiedliche Ausprägungen – von Open Access bis Open Science – umfasst.
Für die Hochschulentwicklung und auch die schulische Bildung bedeutet dies, Offenheit nicht abstrakt zu postulieren, sondern in konkrete institutionelle Prozesse und technische Strukturen zu übersetzen. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Idee und operativer Umsetzung setzt auch das Projekt Co-WOERK mit seiner Idee eines Konzepts von Ökosystem an.
Das OER-Ökosystem: Mehr als ein Repositorium
Ein OER-Ökosystem wird im Projekt als Netzwerk aus Materialien, Plattformen, Serviceangeboten, Akteur:innen und Praktiken konzeptualisiert (Vortrag, November 2025). Zentral ist dabei die Einsicht, dass ein OER-Repositorium lediglich ein Bestandteil, nicht jedoch das Ökosystem selbst ist.
Das Ökosystem umfasst vielmehr mehrere miteinander verschränkte Ebenen: die technische Infrastruktur, organisatorische Prozesse, soziale Praktiken und strategische Steuerungsmechanismen. Erst im Zusammenspiel dieser Ebenen entsteht eine nachhaltige Struktur.
Die digitale Infrastruktur fungiert dabei nicht nur als technisches Werkzeug, sondern als strukturierendes Element, das Praktiken ermöglicht, kanalisiert und stabilisiert. In diesem Sinne ist ein Repositorium und die dazugehörige Plattform oder ein Portal nicht nur Speicherort, sondern auch Schnittstelle: Es verbindet Akteur:innen, macht Materialien auffindbar, strukturiert Metadaten, unterstützt Qualitätsprozesse und schafft Anschlussfähigkeit an überregionale Infrastrukturen. Ohne diese infrastrukturelle Grundlage bleibt Offenheit fragmentarisch.
Digitale Infrastruktur als Ermöglichungs- und Steuerungsinstrument
Die Bedeutung digitaler Infrastruktur zeigt sich besonders deutlich im aktuellen Entwicklungsstand eines OER-Repositoriums. Mit dem einstimmigen Votum der Vizepräsident:innen für Lehre von brandenburgischen Hochschulen und Universitäten für ein gemeinsames OER-Repositorium wurde das Vorhaben institutionell legitimiert. Damit verschiebt sich die Initiative von einer projektinternen Innovation hin zu einer governancebasierten Strukturentwicklung.
Die Einrichtung einer Instanz, die Definition technischer Anforderungen sowie die Pilotierungsphase markieren den Übergang von der konzeptionellen zur implementierenden Phase. Gleichzeitig wird das Repositorium strategisch in einen breiteren Kontext eines geplanten Lehrportals eingebettet. Diese Einbettung ist entscheidend: Digitale Infrastruktur entfaltet ihre Wirkung nur dann nachhaltig, wenn sie nicht isoliert, sondern als integraler Bestandteil der digitalen Lehrumgebung wahrgenommen wird.
Infrastrukturen wirken dabei doppelt. Einerseits ermöglichen sie neue Praktiken – etwa die strukturierte Veröffentlichung und Nachnutzung von Materialien. Andererseits strukturieren sie Handlungen, indem sie Metadatenstandards, Workflows und Qualitätsanforderungen vorgeben. Infrastruktur ist somit nicht neutral, sondern prägt die Form von Offenheit, die realisiert werden kann.
Zwischen Technik und Kultur: Kritische Übergangsmomente
Trotz der Fortschritte in der technischen Implementierung bleibt die kulturelle Dimension entscheidend. Ein OER-Ökosystem lebt nicht allein durch Plattformen, sondern durch geteilte Praktiken. Lehrende müssen die Infrastruktur als unterstützend, entlastend und qualitätsfördernd erleben. Offenheit wird erst dann nachhaltig, wenn sie in alltägliche Routinen integriert ist.
Der aktuelle Stand an der BTU lässt sich als sensibler Übergangsmoment beschreiben: Die institutionelle Rückbindung ist erfolgt, die technische Infrastruktur nimmt Gestalt an, Prozesse werden definiert. Nun entscheidet sich, inwieweit diese Strukturen in eine lebendige Praxis überführt werden können. Die digitale Infrastruktur bildet hierfür die notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung. Sie schafft Möglichkeitsräume – deren Nutzung jedoch kulturelle Akzeptanz und aktive Beteiligung voraussetzt.
Die langfristige Wirkung des Projekts hängt maßgeblich davon ab, ob die entwickelte Infrastruktur über die Projektlaufzeit hinaus institutionell abgesichert wird. Die Perspektive, das Repositorium als gemeinsamen Dienst für das Land Brandenburg zu etablieren, wäre wünschenswert und ein großer Gewinn. Denn Nachhaltigkeit entsteht nur dann, wenn technische Systeme, organisatorische Zuständigkeiten und Community-Strukturen ineinandergreifen. Digitale Infrastruktur fungiert dabei als stabilisierendes Rückgrat des Ökosystems. Sie ermöglicht Kooperation, fördert Transparenz und schafft Anschlussfähigkeit an länderübergreifende Initiativen.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich Co-WOERK in einer Phase struktureller Konsolidierung befindet. Konzeptionelle Grundlagen sind geklärt, institutionelle Unterstützung ist vorhanden, die technische Implementierung ist eingeleitet und die Angebote und Strukturen für eine Community of Practice liegen vor. Digitale Infrastruktur erweist sich dabei als strategischer Hebel: Sie ist nicht Selbstzweck, sondern ein wichtiger Bestandteil für die nachhaltige Verankerung offener Bildungspraktiken.
Die Diskussion auf der ZDT-Jahrestagung hat gezeigt, dass OER-Ökosysteme zunehmend als infrastrukturelle Zukunftsaufgabe der Hochschulentwicklung verstanden werden. Offenheit wird damit nicht nur als pädagogisches Ideal, sondern als strukturpolitische Herausforderung sichtbar.
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